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Tour de France 2017

Tour de France 2017: von Düsseldorf nach Paris – Ein Rückblick auf die 104. Tour de France

Ein vierter Titel für Chris Froome, fünf Etappen für Marcel Kittel, Dramen und Kontroversen – ein Rückblick auf ein spannende und unterhaltsame Tour de France

Von den regennassen Straßen in Düsseldorf, über 3521 Kilometer und fünf Bergregionen Frankreichs, nach zwei Zeitfahren und einer historischen Bergankunft auf dem 2642 m hohen Col d’Izoard erreichten die Fahrer nach drei Wochen ihr Endziel: Paris.

Der Gesamtsieg der 104. Tour de France war einer der heißest umkämpften Siege der letzten Jahre. Der Sieger Chris Froome (Team Sky) konnte letztendlich seinen Titel erfolgreich verteidigen, aber dieses Jahr wurde es ihm nicht leicht gemacht. Letztendlich wurde das Einzelzeitfahren in Marseille auf der 20. Etappe zum ultimativen Entscheidungskampf. In diesem Artikel lassen wir die drei Wochen Tour de France im Juli Revue passieren.

(Foto: Arian Schlichenmayer)

Grand Départ – als die Tour de France nach Deutschland kam

Nach dreißig Jahren war Deutschland wieder Gastgeber für den Auftakt des größten Radsportereignisses der Welt. 1987 war West-Berlin der Schauplatz des Tour-de-France-Starts, dieses Jahr wurde diese Ehre der Landeshauptstadt Düsseldorf zuteil. Keiner konnte wirklich erahnen, was auf die Stadt und Bewohner zukommen würde. Aber 1,3 Millionen Zuschauer, ein Einzelzeitfahren und einen Start der zweiten Etappe Richtung Belgien später wusste man mehr.

Die jungen Fans kommen ihren Helden ganz nah. (Foto: A. Schlichenmayer)

Die Stadt war schon im Vorfeld mit Fahnen geschmückt, eine Ausstellung in der Tonhalle zur Geschichte des Radsports wurde eröffnet und blieb bis zum Ende der Tour offen, Kraftwerk gab am Samstag, dem Tag des Prologs, ein Konzert. Die Stadt bereitete ein Rahmenprogramm, aber es waren die Fans, die die 104. Tour de France und Fahrer mit überwältigender und fast unerwarteter Leidenschaft gebührend begrüßten und feierten.

Der Tourteufel durfte auch bei dieser Tour de France nicht fehlen. (Foto: A.S.O.)
Der Tour-de-France-Zirkus erreicht Düsseldorf … (Foto: A. Schlichenmayer)

Sobald die Reisebusse der Teams die Hoteleinfahrten einnahmen, konnte man den einen oder anderen Blick auf einen Fahrer erhaschen, vielleicht sogar ein Autogramm ergattern und als man den Support-Teams aus nächster Nähe bei der Arbeit zuschauen durfte, spürte man merklich: Das Tour-Fieber griff um sich und ein einmaliges Erlebnis stand der Stadt bevor.

Der Regen hielt die Fans nicht davon ab, an der Strecke fur Stimmung zu sorgen. (Foto: A. Schlichenmayer)

Dann kam der Samstag, der erste Tag der 104. Tour de France, der Tag des Einzelzeitfahrens. Und Düsseldorf feierte die Tour. Schon früh zogen Fans mit Fahnen, Fässchen und guter Stimmung an die Strecke, um einen guten Platz zu ergattern. Der Regen, der im Laufe des Tages einsetzte, schien die heimischen und zugereisten Fans nicht zu beeindrucken. Als um 15:15 der Startschuss fiel und der erste Fahrer auf die Strecke ging, war die Begeisterung am Streckenrand spürbar und, vor allem, hörbar.

Alle Hoffnungen hatten sich auf Tony Martin (Katusha-Alpecin) gerichtet. Der Weltmeister im Einzelzeitfahren hatte seine Augen auf den Etappensieg fixiert. Als Deutscher das gelbe Trikot aus Deutschland nach Belgien zu tragen, wäre ein Traum gewesen. Leider konnte er sich seinen Traum nicht erfüllen und der Panzerwagen fuhr, unter ohrenbetäubenden Jubelrufen, auf den vierten Platz. Geraint Thomas (Team Sky) gewann das Zeitfahren in Düsseldorf und war der erste Fahrer im Maillot Jaune der 104. Tour de France.

Die Begeisterung blieb ungebrochen, als sich das Peloton am Sonntag auf den Weg von Düsseldorf nach Lüttich machte. Straßen, Häuser und Geschäfte waren geschmückt und Menschenmengen säumten den Wegesrand, um die Fahrer jubelnd auf ihren Weg zu begleiten. Für die Fahrer war der Empfang in Düssledorf und Deutschland an beiden ersten Tagen der Tour de France ein unvergessliches Erlebnis. “Danke an die Fans! Es war einfach nur noch geil!”, sagte Marcel Kittel in einem Interview. “Ihr wart super! Vielen Dank! Es war einfach nur noch unglaublich!”

Die Marcel-Kittel-Show

Für Tony Martin verlief die Tour de France nicht nach Plan, aber für einen anderen deutschen Fahrer erwies sie sich als ein unvergleichliches Erfolgserlebnis. Schon während des Einzelzeitfahrens zeigte Marcel Kittel seine Form, als er unter die Top-10 fuhr. Schon am nächsten Tag bewies der Quick-Step-Floors-Fahrer, dass man auf dieser Tour de France mit ihm rechnen musste. Der deutsche Sprinter powerte in Lüttich an seinen Rivalen vorbei. Er holte sich an dem Tag den 10. Etappensieg seiner Karriere und das Grüne Trikot. Und dann gab es kein Halten mehr.

Tour de Kittel: Der deutsche Sprinter holte sich fünf Etappensiege und das grüne Trikot. Ein Sturz bedeutete leider das Ende seiner bislang erfolgreichsten Tour de France (Foto: Sirotti)

Kittel brachte nicht nur sein gutes Aussehen sondern eine unbesiegbare Form zur 104. Tour de France. Der Sprinter, der nach einer Virusinfektion 2015 lange außer Gefecht gesetzt worde war, kam ins Rollen und ein Etappensieg jagte den nächsten: Kittel gewann nach der zweiten auch die 6., 7. 10. und 11. Etappe und führte in der Punktewertung. Während Kittel seine Etappensiege sammelte brach er dabei auch den deutschen Tour-Rekord von Erik Zabel, der 12 Tagessiege geholt hatte. Der neue Rekordhalter heißt Marcel Kittel mit 14 Etappen.

Marcel Kittel war unaufhaltbar. Der Kampf um das grüne Trikot zwischen Kittel und Michael Matthews (Bora-Hansgrohe) belebte die Tour und die Sprintwertung. Alle waren auf Kittel gespannt, ob er sich vor dem Showdown in Paris noch einen sechsten Etappensieg und dann auf der Champs-Elysees den begehrtesten aller Siege holen könnte. Leider wurde dem grünen Riesen auf der 17. Etappe ein Strich durch die Rechnung gemacht.

Kurz nach dem Start der 17. Etappe von La Mure nach Serre Chevalier war Kittel in einem schweren Sturz verwickelt. Er konnte erst noch weiterfahren und ließ sich noch vom Auto aus verarzten. Aber letztendlich sah er sich gezwungen, vom Rad zu steigen und seinen Traum vom Grünen Trikot aufzugeben.

Es war eine bitteres und enttäuschendes Ende für den deutschen Sprinter, der sich große Hoffnungen gemacht hatte. Marcel Kittel war nicht der erste, dem ein Sturz zum Verhängnis wurde und seine Kampagne um das Grüne Trikot und Etappensiege frühzeitig beendete.

Übrigens: Marcel Kittel versteigert sein Grünes Trikot für den guten Zweck! Hier erfährst du mehr darüber.

Ein Sturz auf der Zielgeraden während des Massensprints in Vittel bedeutete das Aus für Mark Cavendish. (Foto: Sirotti)

Die Sagan-Saga

Es passierte auf dem Schlusssprint der 4. Etappe in Vittel, als sich das Gesicht der Sprintaufstellung der 104. Tour de France grundlegend veränderte. In der Hitze des Gefechts um die beste Linie zum Ziel kollidierten Peter Sagan (Bora-hansgrohe) und Mark Cavendish (Team Dimension Data). Cavendish fiel hart auf die Straße. Es war offensichtlich, dass er durch den Sturz schwere Verletzungen erlitten hatte.

Die Befürchtungen wurden nach einem Krankenhausbesuch bestätigt: Der Brite hatte sich durch den Sturz das Schulterblatt gebrochen und sah sich gezwungen, die Tour de France aufzugeben. Auch für seinen Widersacher Sagan hatte dieser Zwischenfall unvorhergesehene Konsequenzen.

Nachdem die Rennleitung das Video des Zwischfalles zwischen Cavendish und Sagan betrachtet hatten, wurde Sagan letztendlich von der Tour de France aufgrund “eines gefährlichen Manövers im Sprint, das auch andere Fahrer gefährdete” disqualifiziert. Die Fassungslosigkeit unter Sagan-Fans aber auch innerhalb des Pelotons hinsichtlich der Schwere der Strafe war groß.

Fans geben ihren Unmut zur Disqualifikation Sagans zum Ausdruck. (Foto: Sirotti)

Die Leitung von Sagans Team Bora-hansgrohe ging noch in Berufung, um den Weltmeister wieder in die Tour zu bringen, aber vergeblich. Die Tour de France musste ohne die schillernde Persönlichkeit und das ungheure Talent des Weltmeisters weiterfahren. Und für Peter Sagan war der Traum nach einer weiteren Herrschaft der Punktwertung im Grünen Trikot geplatzt.

Was die Tour de France so besonders macht: die geduldig wartenden Fans. (Foto: A.S.O.)

Valverde: Vorbei bevor es richtig begann

Für einige war die Tour schon zu Ende, bevor es richtig losgehen konnte. Valverde (Movistar) wurde der Regen und die daraus folgenden nassen Straßen beim Einzelzeitfahren in Düsseldorf zum Verhängnis: Der Spanier hatte die Hälfte des Rundkurs hinter sich gebracht, als er in einer Linkskurve heftig zu Fall kam und in die Absperrung schlitterte. Valverde brach sich seine linke Kniescheibe und das Sprungbein und wurde noch am gleichen Abend operiert. Sein Teamkollege Nairo Quintana musste ohne seinen Königshelfer die Tour de France bestreiten. Aber er war nicht der einzige, dessen Super Domestique zeitig das Rennen verlassen musste.

Die Verluste der 9. Etappe

Chris Froome (Team Sky) verlor seinen Königshelfer auf den feuchten und rutschigen Straßen bei der Abfahrt vom Col de la Biche auf der 9. Etappe. Geraint Thomas hatte einen fantastischen Start zur 104. Tour de France: Der Waliser gewann das Einzelzeitfahren in Düsseldorf und holte sich das gelbe Trikot. Er führte die Gesamtwertung bis sein Teamkollege und Titelverteidiger Chris Froome auf der 5. Etappe die Führung übernahm. Thomas verteidigte von da an erfolgreich seine Platzierung als Gesamtzweiter.

Aber der Sturz auf der Abfahrt brachte auch Thomas zu Fall. Der Sky-Fahrer fuhr noch ein Stück weiter, merkte aber “auf einem Flachstück, dass etwas nicht stimmt”. Der Verdacht auf ein gebrochenes Schlüsselbein wurde durch eine Röntgenaufnahme bestätigt. Für Geraint Thomas war die Aufgabe der Tour de France sehr bitter, nachdem er auch den Giro d’Italia aufgrund einer Kollison mit einem Motorrad und dem daraus folgendem Sturz auf der 9. Etappe das Rennen aufgeben musste.

Die feuchten Straßen und die anspruchsvolle und knifflige Abfahrt forderte ein weiteres Opfer: Richie Porte (BMC Racing Team) verkalkulierte auf der rasenden Abfahrt eine Kurve und krachte in die Felswand. Dabei kollidierte der Australier mit Dan Martin (Quick-Step Floors) und brachte ihn zu Fall. Dan Martin konnte sich wieder aufrichten und weiterfahren, wenn auch unter sichtlichen Beschwerden. Aber der Mitfavorit Richie Porte blieb liegen – auch für ihn kam die 104. Tour de France zu einem abrupten Ende.

Jakob Fuglsang (Astana) wollte so schnell nicht aufgeben, als er auf der 11. Etappe in einem Massensturz verwickelt war. Trotz zwei Knochenbrüchen in seinem linken Arm fuhr der Däne weiter, entschlossen, seinem Teamkollegen Fabio Aru bei der Verteidigung des gelben Trikots zur Seite zu stehen. Fuglsang konnte die 12. Etappe durchziehen, aber die 13. war keine Glückszahl für ihn. Die Schmerzen machten ihm sichtbar zu schaffen und es war deutlich, dass er nicht nur Schwierigkeiten hatte, dem Tempo des Peloton mitzuhalten, sondern auch sein Fahrrad nicht mehr sicher beherrschen und kontrollieren konnte. Schliesslich gab Jakob Fuglsang sich geschlagen und seine Rennnummer ab.

Jedes Dorf feiert und schmückt sich für die Tour de France.(Foto: A.S.O.)

Der Kampf um Gelb

Chris Froome hat wieder erfolgreich seinen Titel als Gesamtsieger der Tour de France verteidigt. Sein Team und er haben ihre Mission erfolgreich erfüllt. Aber der Sieg wurde ihm nicht leicht gemacht: Das Maillot Jaune wurde härter und erbitterter umkämpft, als in den Jahren zuvor. Letztendlich wurde das zweite Zeitfahren in Marseille am vorletzten Tag der 104. Tour de France zum Entscheidungskampf ums Podium.

Für Team Sky begann die Tour de France wie ein Traum, als Geraint Thomas das Zeitfahren in Düsseldorf gewann und sich am nächsten Tag im gelben Trikot Richtung Belgien aufmachte. Froome saß an zweiter Stelle, und es war nur eine Frage der Zeit, wann er die Position Thomas einnehmen würde. Froome übernahm das gelbe Trikot von Thomas auf der 5. Etappe und machte keine Anstalten, es wieder herzugeben.

Aber auf der 12. Etappe drehte sich der Spieß um: Seine zwei Rivalen Romain Bardet (AG2R La Mondiale) und Aru griffen auf der langen und harten Bergetappe aggressiv an. Froome konnte nicht parieren, geschweige denn mithalten. Bardet holte sich den Tagessieg, Aru das gelbe Trikot. Plötzlich war das Spielfeld dieser Tour de France wieder neu geordnet. Radsportfans erwarteten mit Spannung, wie sich das Rennen in den verbleibenden Wochen entwickeln würde.

Aru griff an, Froome brach ein, Aru übernahm das gelbe Trikot. (Foto: Sirotti)

Aru wurde das gelbe Trikot nicht lange gegönnt: Auf der 14. Etappe verlor der Italiener auf dem letzten Anstieg zum Ziel seine Kraft und kam gegen Froome nicht an. Am Ende hatte Froome das gelbe Trikot wieder, wenn auch nur mit einem knappen 19-Sekunden-Vorsprung. Trotz unzähliger Versuche, seine Führung weiter auszubauen, blieb sein Vorsprung gegenüber seinen Rivalen bei weniger als 30 Sekunden. Chris Froome zog in das entscheidende Zeitfahren in Marseille, in der Gewissheit, dass er sich keinen Fehler leisten durfte.

Letztendlich war Froome der stärkere Fahrer der 104. Tour de France und brachte das gelbe Trikot nach Paris. (Foto: Sirotti)

Auf der 14. Etappe musste Froome seine Form unter Beweis stellen. Gleichzeitig wurde allen gezeigt, mit wem sie es aufnehmen mussten, wenn sie ihren Versuch auf einen Gesamtsieg antreten wollten: Froome verlor am letzten Anstieg im Central Massif den Anschluss zu der Gruppe, als er sich gezwungen sah, sein Hinterrad auszutauschen. Mit der Hilfe seines Teamkollegen, der ihm sein Hinterrad zur Verfügung stellte, schaffte Froome es relativ schnell, wieder im Sattel zu sitzen.

Aber die Gruppe mit seinen Rivalen hatte eine Minute Vorsprung herausgefahren. Froome musste alles aus sich herausholen und fuhr sich über seine Grenzen hinaus. Es war ein spannender Moment und ein Darstellung der Kraft und des Leistungsvermögens von Froome, den man zu sehen bekam. Froome schaffte wieder den Anschluss und verteidigte seine Führung. Aber es wurde spätestens jetzt klar: Hier wird gekämpft und zwar gnadenlos.

In Marseille kam es zum Entscheidungskampf. Und Froome lieferte den Erfolg, auf den er seine Saison ausgerichtet hatte: Mit einem dritten Platz im Zeitfahren gewann der Engländer 53 Sekunden Vorsprung auf Rigobero Uran und damit seine 4. Tour de France. Für Bardet war es knapp geworden: Der Gesamtdritte schaffte es um eine Sekunde, seinen Platz auf dem Podium gegen Mikel Landa (Team Sky) mit einem beherzten Sprint zum Ziel zu verteidigen.

Die Trikots der 104. Tour de France: Warren Barguil (Bora-Hansgrohe), Simon Yates (Orica-Scott), Chris Froome (Team Sky), Michael Matthews (Bora-Hansgrohe). Foto: Sirotti

Die 104. Tour de France hatte alles aufgefahren, was das Radsportlerherz begehrt: Dramen, Kontroversen, Heldentaten, Berge, aggressive Sprints und bis zum Schluss einen spannenden Kampf um den Sieg. Man kann nicht sagen, dass der Sieg von Froome von Anfang an eindeutig war.

(Foto: Sirotti)

Es war eine abwechslungsreiche Tour de France, die ihre Fahrer mit einem riesigen Aufgebot an Fans in Deutschland gebührend auf den Weg nach Paris schickte. Nach der Tour ist vor der Tour und wir freuen uns auf die 105. Ausgabe, die im Juli 2018 in der Region Pays de la Loire in Frankreich starten wird.

Au revoir!

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