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Rennberichte & Analysen

Paris-Roubaix 2016: Mathew Hayman gewinnt im letzten Sprint gegen Tom Boonen

Mit Mathew Hayman gewinnt ein Außenseiter den sturzreichen Klassiker Paris-Roubaix 2016.

Es kommt immer anders als man denkt: Nach 15 Teilnahmen bei Paris-Roubaix gewinnt der Australier Mathew Hayman 2016 in einem spannenden Showdown das Monument der “Hölle des Nordens” vor Tom Boonen und sichert sich den ersten Klassikersieg seiner Karriere.

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Mathew Hayman bei der Zieleinfahrt bei Paris Roubaix 2016. Pic: Sirotti

Nicht Boonen, nicht Sagan und auch nicht Cancellara hoben den Pflasterstein des Siegers auf dem Podium in die Höhe: Mathew Hayman sorgte bei Paris-Roubaix 2016 für einen überraschenden Sieg, als er im letzten Sprint das Monument für sich entschied.

Wenn Engel reisen, lacht der Himmel. Wie schon in Flandern vor einer Woche, fuhren die Profis bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel Richtung Roubaix. Zwischen ihnen lagen 56 Kilometer Kopfsteinpflasterpassagen, verteilt über insgesamt 210 Kilometer.

Paris-Roubaix 2016: Die Startlinie. Foto: Sirotti
Paris-Roubaix 2016: Die Startlinie. Foto: Sirotti

Sobald der Startschuss gefallen war, schlug das Peleton sofort ein scharfes Tempo an und setzte den Ton für das Rennen. Die rasante Geschwindigkeit, gepaart mit den Abschnitten, in denen es bei hohem Tempo über Kopfsteinpflaster geht, verlangt von den Fahrern alles an Kraft und Bikehandling ab.

Stürze gehören zu Radrennen dazu, aber kaum ein Radrennen wird so durch die Stürze charakterisiert wie das Monument Paris-Roubaix. Die trockenen Wetterbedingungen hätten die Situation eigentlich entschӓrfen müssen, aber hochwirbeldner Staub und ein rasantes Tempo, gepaart mit dem Pavè, machten zahlreiche Stürze auch bei dieser Ausgabe zur Tagesordnung.

Für sieben Fahrer endete das Rennen nicht auf der Radrennbahn von Roubaix, sondern im Krankenhaus: Elisa Viviani von Team Sky wurde von einem Motorrad angefahren. Der Spanier erlitt eine Verletzung am Brustbein. Nach spӓteren Untersuchungen konnte einen Bruch ausgeschlossen werden.

Paris-Roubaix 2016: Ellia Viviani (ganz vorn) wurde später von enem Begleitmotorrad angefahren und musste ins Krankenhaus. Foto: Sirotti
Paris-Roubaix 2016: Ellia Viviani (ganz vorn) wurde später von enem Begleitmotorrad angefahren und musste ins Krankenhaus. Foto: Sirotti

Der Sieger von Paris-Roubaix 2014, Niki Terpstra (Etixx-Quickstep), wurde durch eine Knieverletzung zur Aufgabe gezwungen. Sein Teamkollege Nikolas Maers wurde in einen der zahlreichen Stürze verwickelt und musste wegen seiner Verletzungen behandelt werden. Das gleiche Schicksal erlitten Nelson Oliveira und Francisco Ventoso (beide von Movistar) und Federivo Zurlo von Lampre.

Am schwersten erwischte es Mitchell Docker, Teamkollege von Mathew Hayman: Er erlitt schwere Gesichtsschӓdel– und Kiefertraumen und mehrere Gesichtsverletzungen.

Ein massiver Unfall kurz vor dem Arenberger Forst spaltete das Hauptfeld, das sich auf der Jagd nach der Spitzengruppe befand. Fabian Cancellara (Trek-Segafredo), Peter Sagan (Tinkoff) und Niki Terpstra (Etixx – Quickstep) befanden sich im hinteren Teil des Geschehens und wurden aufgehalten. Andere Fahrer von Etixx-Quickstep, LottoNL-Jumbo und Sky waren im vorderen Teil des Feldes und schafften es, sich abzusetzen.

Die Serie an Unfӓllen und Stürzen riss nicht ab und beeinflussten letztendlich das Renngeschehen, als ein Sturz im Abschnitt Mons-en-Pevele, 50 Kilometer vor dem Ziel, Fabian Cancellara zum Verhӓngnis wurde: Team Sky führte das Hauptfeld in den Abschnitt und Spartacus wurde dort zum dritten Mal in einem Sturz verwickelt. Dieses Mal war der Abstand zum Feld zu groβ, um die Lücke zu schließen.

Paris-Roubaix 2016: Peter Sagan vor Fabian Cancellara. Foto: Sirotti
Paris-Roubaix 2016: Peter Sagan vor Fabian Cancellara. Foto: Sirotti

Für Cancellara waren die Chancen dahin, um einen letzten Sieg bei diesem Monument zu kӓmpfen. Peter Sagan verdankte es seinen bemerkenswerten Bikehandling-Fähigkeiten, dass er aufrecht blieb und nicht selber bei Mons-en-Pevele zu Fall kam.

Durch das scharfe Tempo war es den Fahrern auf den ersten Kilometern unmöglich, Ausreißversuche zu starten und Gruppen zu formen. Mark Cavendish (Team Dimension Data) zog in einer Gruppe mit, als eine Gruppe versuchte, sich abzusetzen. Aber schon kurz darauf wurden sie vom Hauptfeld wieder eingeholt.

Erst nach 70 Kilometern, kurz bevor das Peleton die erste Kopfsteinpflasterpassage erreichte, schafften es 16 Fahrer, sich endlich vom Hauptfeld abzusetzen. Mathew Hayman war einer der Fahrer, der den Sprung in diese Gruppe schaffte.

Die Gruppe lieβen Fabian Cancellara und Peter Sagan im Hauptfeld zurück. Als sie den Arenberger Forst erreichten, hatten die Ausreißer über eine Minute Abstand zwischen sich und dem Peleton eingefahren. Wogen sich die Favoriten noch in Sicherheit?

Paris-Roubaix 2016: Die Spitzengruppe fährt in den Forst von Arenberg ein. Foto: Sirotti
Paris-Roubaix 2016: Die Spitzengruppe fährt in den Forst von Arenberg ein. Foto: Sirotti

Tom Boonen, Ian Stannard, Sep Vanmarcke (LottoNL – Jumbo), and Edvald Boasson Hagen (Dimension Data) waren unter den Fahrern, die dem Chaos des Unfalls beim Arenberger Forst entkamen und so eine weitere Gruppe formten. Sie machten sich auf die Jagd nach der Spitzengruppe, die durch den Unfall drei Minuten Vorsprung herausholen konnte.

Beim 20. Abschnitt verschӓrfte Etixx-Quickstep das Tempo, was die Gruppe buchstӓblich auseinanderiss. Bei der Haveeluy-Wallers-Passage zeigte Tony Martin, was in seinen Beinen steckt und zog wiederum an. Das Feld zersplitterte in weitere Kleinteile. Boonen, Stannard, Edvald Boasson Hagen, Robert Wagner (LottoNL-Jumbo) und Luke Durbridge (Orica-GreenEDGE) hefteten sich dem Panzerwagen auf die Fersen. Die Splittergruppe um Boonen schloss auf die Ausreißer auf und verschaffte sich einen 40-Sekunden-Vorsprung zum Hauptfeld mit Cancellara und Sagan.

Die Boonen-Gruppe bildeten jetzt eine starke Spitzengruppe, die zusammenarbeitete, um den Abstand zu den Verfolgern zu halten.

Die Ausreißer hatten noch immer eine Minute Vorsprung, da gelang es Luke Rowe (Team Sky) und Sep Vanmarcke (LottoNL-Jumbo) durch einen beherzten Gegenangriff den Abstand zu der Führungsgruppe zu verringern.

Das Rennen nӓherte sich der Hornaing-Wandignies Passage und kurz bevor sie über die Kopfsteinpflaster rasten, schlossen Vanmarcke und Rowe auf die Ausreißer auf. Jetzt wurde auch im Hauptfeld das Tempo weiter gesteigert und Cancellaras Teamkollegen versuchten mit aller Kraft, den Zeitvorsprung zu verringern und auf die 16 Mann starke Gruppe aufzuschliessen.

Roubaix rückte unaufhaltsam nӓher. Die Spitzengruppe fuhr ein unerbittlich hartes Rennen und schaffte es, den Abstand zum Hauptfeld zu halten. Mit der Zeit wurde das Feld kleiner, die brisante Geschwindigkeit forderte sein Tribut. Schliesslich verblieben Boonen, Stannard, Boasson Hagen, Vanmarcke und Alexejs Saramotins (IAM Cycling). Von der eigentlichen Ausreissergruppe waren Hayman und Erviti (Movistar) immer noch mit dabei.

Zwischen Pont-Thibaut und Ennevelin gelang es Luke Rowe, Marcel Sieberg (Lotto-Soudal) und Heinrich Haussler (IAM Cycling) auf die Ausreisser aufzuschliessen.

Für Rowe war diese Anstrengung zu viel des Guten. Er half seinem Teamkollegen Stannard so lange er konnte, in dem er immer wieder Tempo machte und so die Verfolger auf Abstand hielt. Jedoch musste er die Gruppe schliesslich ziehen lassen. Als die Fahrer Carrefour de l’Abre erreichten, waren nur noch Stannard, Boonen, Vanmarcke, Hayman und Boasson Hagen in der führenden Gruppe. Sie fuhren unbeirrt weiter und schlugen ein hartes Tempo an, um den Zeitabstand zum Hauptfeld zu halten und um den Sieg in Roubaix unter sich auszumachen.

Mit 20 Kilometern zum Ziel, kamen die ersten Attacken innerhalb der Führungsgruppe: Vanmarcke griff als erster an und es gelang ihm, eine Lücke zwischen sich und den anderen zu bilden. Aber sein Erfolg war nur von kurzer Dauer: Kurz darauf war das Quintett wieder komplett. Mit 12 Kilometern zum Ziel folgte eine weitere Attacke von Vanmarcke. Daraufhin parierte Stannard und zog den anderen davon. Auch er wurde wieder eingeholt. Mit steigender Spannung stiegen die Zahl der Angriffe. Radsportfans kamen bei diesem Rennen voll auf ihre Kosten.

Nur noch fünf Kilometer zum Ziel: Hayman, Boonen und Stannard – einer von den dreien zog immer wieder davon und fuhr eine Attacke nach der anderen. Keiner von ihnen war bereit, mit Vollgas zu sprinten, um so zu versuchen, das Rennen für sich zu entscheiden.

Drei Kilometervor dem Ziel: Die fünf Fahrer waren schon wieder in einer Gruppe zusammen.

Die Fahrer erreichten das Velodrom und es waren Boonen und Hayman, die unter Jubelrufen der Fans als erste auf die Bretter rollten. Stannard, Vanmarcke und Boasson Hagen waren hart auf ihren Fersen.

Paris-Roubaix 2016: Tom Boonen mit seinen Verfolger im Velodrom von Roubaix. Foto: Sirotti
Paris-Roubaix 2016: Tom Boonen mit seinen Verfolger im Velodrom von Roubaix. Foto: Sirotti

Die Glocke läutete die letzte Runde ein. Hayman zog ab, mit Boonen und Stannard in engem Abstand, um mit ihm um den Sieg zu kämpfen. Die zwei anderen Verfolger holten auf, die Spannung stieg. Der Geräuschpegel im Velodrom schwoll an, als sich Boonen, Hayman und Stannard der Ziellinie näherten. Letztendlich war es der 37-jährige Australier, der sich mit einem letzten Sprint seinen ersten Monument-Sieg seiner Karriere sicherte.

Mathew Hayman konnte sein Glück im ersten Moment nicht glauben. Seine Fassungslosigkeit war ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

Der 37-jӓhrige, der sich beim Omloop Het Nieuwsblad den Arm brach, konnte seinen Erfolg kaum fassen: “Die Ärzte waren davon überzeugt, dass die Klassiker für mich gelaufen waren. Aber ich wollte so schnell wie möglich wieder Rennen fahren. Dieser Sieg bedeutet mir so viel.”

Wenn mir heute morgen jemand versichert hätte, dass ich heute dieses Rennen gewinne, ich hätte es ihnen nie im Leben abgekauft. Ich habe immer wieder von diesem Sieg geträumt, wollte dieses Rennen fahren und gewinnen, seit ich es zum ersten mal im Fernsehen sah. Fünfzehn mal war ich Paris-Roubaix schon dabei, habe auf der Bahn um einen Platz in den ersten zehn gekämpft. Manchmal muss man es drauf ankommen lassen und manchmal kommt etwas Gutes bei raus.“

Seit ich mir bei Omloop den Arm brach, bin ich nicht mehr viele Rennen gefahren. Dieses Monument ist für mich einfach enorm. Jeder in meinem Team weiβ, wieviel mir dieser Klassiker bedeutet. Seit Oktober rede ich von keinem anderen Rennen als Paris-Roubaix. 15 mal bin ich hier gestartet. Und jedes Mal habe ich gefinished.”

Paris-Roubaix 2016: Nach 15 Teilnahmen am Monument kann Mathew 2016 endlich die Pflasterstein-Siegertrophäe sein Eigen nennen. Foto: Sirotti
Paris-Roubaix 2016: Nach 15 Teilnahmen am Monument kann Mathew 2016 endlich die Pflasterstein-Siegertrophäe sein Eigen nennen. Foto: Sirotti

Mit seinem Sieg verhinderte er Tom Boonens fünften Sieg des Klassikers. Dieser sicherte sich dieses Jahr den zweiten Platz. Mat Haymans ehemaliger Teamkollege Ian Stannard wurde dritter. Er ist erst der dritte Brite, nach Barry Hoban in 1972 und Roger Hammond in 2004, der in Roubaix auf dem Podium steht.

Fabian Cancellara erreichte, als 40. in der Gesamtwertung und 7:35 Minuten hinter dem Sieger, unter vielen Jubelrufen zahlreicher Fans, das Ziel in Roubaix.

Paris-Roubaix 2016: Die Ergebnisse

1) Mathew Hayman (AUS) – Orica-GreenEDGE – 5:51:53
2) Tom Boonen (BEL) – Etixx-QuickStep
3) Ian Stannard (GBR) – Team Sky
4) Sep Vanmarcke (BEL) – LottoNL-Jumbo

5) Edvald Boasson Hagen (NOR) – Team Dimension Data + 0:03
6) Heinrich Haussler (AUS) – IAM Cycling + 01:00
7) Marcel Sieberg (GER) – Lotto-Soudal
8) Aleksejs Saramotins (LTV) – IAM Cycling
9) Imanol Erviti (ESP) – Movistar + 01:07
10) Adrien Petit (FRA) – Direct Energie + 02:20

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Paris-Roubaix 2016: Tom Boonen, Mathew Hayman und Ian Stannard. Foto: Sirotti
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