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Training & Ernährung

So wirst du König des Kopfsteinpflasters – ein Ratgeber

Geschüttelt, nicht gerührt – mit unseren Tipps eroberst du das Pavé der Klassiker!

Jedes Frühjahr ist es wieder soweit: Die Klassiker gehen los und mit ihnen kommen die steilen Anstiege in den Ardennen und das berühmte Kopfsteinpflaster, das die Durchhaltekraft von Mensch und Maschine auf eine harte Probe stellen wird.

Das Bezwingen dieser besonderen Strecken hat etwas Besonderes. Trotz der unweigerlichen Schmerzen, die das Fahren auf diesen Abschnitten mit sich bringt – oder gerade deswegen – finden sich auch viele Radsportler am Tag vor dem Rennen der Profis auf den Pavé wieder, um sich auf den berühmt-berüchtigten Strecken zu probieren. Wer an Kopfsteinpflaster denkt, denkt automatisch an Paris–Roubaix, das in seiner Beschaffenheit als das härteste Pavé gilt, das man bezwingen kann. Aber die Flandernrundfahrt und Ghent–Wevelgem warten mit, wenn auch kürzeren aber keineswegs weniger anspruchsvollen, Pflastersteinpassagen auf. Bei der Tour de France 2018 besuchen die Profis einige Abschnitte des klassischen Kopfsteinpflasters.

Ob als Neuling, der sein Klassikerfieber ausleben möchte, oder Wiederholungstäter: In diesem Artikel findest du viele Tipps, wie du das Pavé angenehmer bezwingen kannst.

Kopfsteinpflasterfahrten fordern Mensch und Maschine. In diesem Ratgeber findest du viele Tipps, die dir das Überleben auf dem Pavé erleichtern.

Komfort geht auf Kopfsteinpflaster vor – dein Fahrrad

Viele Profis fahren während der Klassiker, wenn es über Kopfsteinpflaster geht, ein anderes Modell. Die Geometrie des Rahmens ist auf Komfort ausgerichtet: Der Radstand ist länger, die Gabeln bieten Spielraum für breitere Reifen, sogar Stoßdämpfer werden im Rahmen verbaut, die die Vibrationen abfangen sollen. Ein steifer Carbonrahmen, der auf schnelle Rennen auf gut asphaltierten Straßen ausgerichtet ist, kann das ohnehin schon unnachgiebige Kopfsteinpflaster noch härter erscheinen lassen.

Einige Veränderungen an deinem Fahrrad und Fahrstil können die Fahrt über das Pavé erleichtern (Foto: Sirotti)

Das bedeutet nicht, dass du dir für dein Abenteuer auf der Klassikerstrecke deinen Fuhrpark um ein neues Rad erweitern musst. Auch ohne die Kosten einer neuen Anschaffung kannst du einige Veränderungen an deinem Rad vornehmen, die dein Erlebnis etwas angenehmer machen können.

Weniger Druck in breiteren Reifen fürs Pavé

Bis vor einigen Jahren waren 21 mm breite Reifen die Norm unter Profis und Radsportlern, bis sich vor ein paar Jahren 25 mm durchsetzten. Bei den Klassikern setzen die Profis auf noch breitere Reifen – die meisten Profis bevorzugen heutzutage 25 mm breite Reifen und in der Welt der Hobbyradsportler wurde dem gleichgetan. Wenn es über das Pavé geht, wechseln die Profis auf noch breitere Reifen – 27 mm oder gar 28 mm oder darüber sind in diesen Rennen nicht ungewöhnlich. Wenn es dein Rad hergibt, solltest du es den Profis gleichtun.

Auf Kopfsteinpflaster zahlen sich breitere Reifen schnell aus. Foto: Arian Schlichenmayer

Ein breiterer Reifen bildet ein größeres und nachgiebigeres Luftkissen zwischen dir und der Straße, was auf Kopfsteinpflaster wichtig sein wird, um die Fahrt etwas erträglicher zu machen. In Flandern ist das Pflaster im Vergleich zu Paris–Roubaix größenteils recht gut in Schuss, die sind Pflastersteine relativ gleichmäßig und eben, auch wenn es sich nicht unbedingt so anfühlt, wenn man sich mitten auf einer Pflasterpassage befindet und von einem Stein zum nächsten hüpft.

Das Pavé bei Paris–Roubaix, ist dagegen sehr unregelmäßig und mit Schlaglöchern übersät, was das Fahren über die Passagen sehr anstrengend und mitunter brutal macht. Daher gilt hier für die Reifen die Formel: Je breiter, desto besser. Die meisten Fahrer wählen vor allem für Paris–Roubaix 27 oder 28 mm breite Reifen, aber auch 30-mm-Reifen sind in den letzten zwei Jahren im Kommen. Wie gesagt: Wenn dein Fahrrad ausreichend Spielraum für breite Reifen hat, nutze ihn aus!

Um die Breite der Reifen in ihrer Funktion als Stoßdämpfer voll auszunutzen, musst du dir auch Gedanken über den richtigen Reifendruck machen. Er sollte niedriger sein, als auf einer Strecke, die ausschließlich über asphaltierte Straßen führt. Ein Reifen mit einem niedrigen Druck kann sich den Unebenheiten des Pavé leichter anpassen und die Erschütterungen des Kopfsteinpflasters besser abfangen.

Doch zu niedrig sollte er auch nicht sein, sonst besteht die Gefahr von Durchschlägen und sogenannten Snakebites im Schlauch (Snakebites sind bei Tubelessreifen weniger das Thema, aber auch sie mögen Durchschläge nicht). Die Empfehlung, die unter Klassikerjägern kursiert, liegt bei einem Reifendruck von 5 bis 5,5 Bar.

Kontaktpunkt: der Lenker

Wenn du einen Carbonlenker an deinem Rad verbaut hast, ist es ratsam, diesen für die Klassikerveranstaltungen gegen einen Aluminiumlenker zu tauschen. Bei der extremen Belastung einer Kopfsteinpflasterfahrt haben Alulenker den Vorteil, dass sie ein Materialversagen in der Regel durch Verformung ankündigen und sie nicht, wie es bei Carbonkenkern der Fall ist, schlagartig brechen. Außerdem stecken Lenker aus Aluminium Stürze besser weg, während bei Carbon unsichtbare Beschädigungen zum plötzlichen Versagen auf der Weiterfahrt führen können. Meistens sind Alulenker auch noch billiger als ihre Carbonpendants. Auf Gewichtsersparnis kommt es beim Lenker auf Kopfsteinpflaster nicht an. Stabilität ist das Gebot der Stunde.

Pavéspezialisten greifen in der Regel zu Alulenkern.

Unternimmst du häufiger ausgedehnte Fahrten auf Pavé, solltest du denen Lenker – ob nun Carbon oder Aluminium – vor und nach jeder Fahrt auf Beschädigungen und Zeichen für baldiges Versagen, wie Haarrisse überprüfen. Noch sicherer kannst du gehen, wenn du deinen Lenker regelmäßig auswechselst, ungeachtet dessen, ob er defekt ist oder nicht. In welchen Intervallen das geschehen sollte, lässt sich pauschal nicht sagen und hängt von deiner Kilometerleistung und der Art des Kopfsteinpflasters ab, auf dem du zu fahren pflegst.

Deine Hände sind, zusammen mit deinem Hintern, der Hauptkontaktpunkt zwischen dir und der ruppigen Straßenoberfläche. Neben bequemen und gut gepolsterten Handschuhen ist eine doppelte Lage Lenkerband zu emfehlen (so wickelst du Lenkerband richtig). Die etwas dicker gepolsterte Oberfläche ist angenehmer unter den Händen, wenn dein Rad über das Pavé rattert, und kann die Schläge gegen die Hände etwas abdämpfen. Einige Hersteller bieten Gelpolster, die unter das Lenkerband geklebt werden können. Egal für welche Methode du dich entscheidest: Es ist vor allem beim ungleichmäßigen Pavé von Paris–Roubaix sehr wichtig, dass du deine Hände so gut es geht vor den Vibrationen schützt und das Risiko von schmerzhaften Blasen an den Händen verringerst.

Sichere deine Getränke: Der Flaschenhalter

Auch hier gilt: Funktion ist wichtiger als Design. Ein schicker Flaschenhalter aus Carbon wird dir nicht viel Freude bereiten, wenn dir schon bei dem ersten Kontakt mit dem Kopfsteinpflaster deine Getränkeflasche aus dem Halter fliegt. Bei deinen Mitstreitern wirst du auch nicht beliebter – sie müssen unter Umständen deiner Wasserflasche, die vor ihrem Vorderreifen landet, kurzfristig ausweichen. Und das ist gerade auf Kopfsteinpflaster kein leichtes Unterfangen.

Flaschenhalter aus Aluminium oder Stahl können zurechtgebogen werden und deiner Trinkflasche mehr Halt bieten, so dass sie bei der Fahrt über das Kopfsteinpflaster nicht herausfallen.

Ein Flaschenhalter aus Aluminium kann zurechtgebogen werden, so dass deine Flasche relativ fest sitzt. Am besten eignen sich die etwas kleineren Flaschen mit einem 500-ml-Trinkvolumen. Durch ihre Kürze sitzen sie noch etwas sicherer im Flaschenhalter, ihr geringeres Gewicht vermindert zudem die Gefahr des Losrüttelns. Zusätzlich kannst du auch noch Panzer-, Gaffer- oder Griffband an den Flaschenhalter kleben, um die Griffigkeit noch mehr zu verbessern. Manch einer versieht den Flaschenhalter auch mit passend zugeschnittenen Streifen Schleifpapier, um maximalen Grip zu erzeugen.

Teste vor, nicht während der Pavé-Fahrt, ob du die Flasche nach deinen Maßnahmen problemlos aus dem Flaschenhalter entnehmen und wieder zurückstecken kannst. Heftige Abnutzungsspuren an der Außenseite der Flasche werden unvermeidlich sein, nimm also vielleicht nicht gerade dein teuerstes Lieblingsmodell fürs Kopfsteinpflaster mit.

Die Wahl der Gänge und des Kettenblattes

Flandern wartet mit einigen anspruchsvollen Anstiegen auf dich. Da wären der Koppenberg, der Kwaremont und nicht zu vergessen den Paterberg. Das Terrain bei Paris–Roubaix ist dagegen ziemlich flach und du könntest dein kleines Kettenblatt vorne mit einem größeren, zum Beispiel einem 44er oder 46er, tauschen. Das größere Kettenblatt verbraucht mehr Kette und damit wird sie etwas fester gehalten, was das Risiko, dass deine Kette während der Fahrt über das Kopfsteinpflaster abspringt, verringert. Im Profipeloton findet man außerdem durchgängig Kettenfänger, die das Risiko eines Kettenabwurfs gegen Null senken.

Eine etwas verminderte Kadenz durch größere Gänge ist auf den holprigen Kopfsteinpflasterpassagen außerdem von Nutzen, weil sie die Hüpftendenz vermindern kann. Der größere Druck auf den Beinen entlastet dein Gesäß und verringert die Wucht von Einschlägen in deine Wirbelsäule.

Schraube locker?

Schrauben können sich unter dem Einfluss der kopfsteinpflasterbedingten Vibrationen lösen und zum fatalen Sicherheitsrisiko werden. Neben der Verwendung geeigneter Schraubensicherung wo es möglich ist, solltest du es dir zur Pflicht machen, alle sicherheitsrelevanten Schraubverbindungen an deinem Rad vor und nach jeder Kopfsteinpflasterfahrt zu überprüfen. Insbesondere auf den korrekten Sitz der Schrauben an Sattelstütze, Lenker, Bremsen und der Schnellverschlüsse an den Laufrädern solltest du größten Wert legen!

So wirst du Herr über das Pavé

„Was zur Hölle?“, schoss es mir durch den Kopf, als mein Vorderrad zum ersten Mal auf eine Pavé-Passage traf. Ab dem Moment gab es aber kein Halten mehr: Nach dem Motto „Augen zu und durch“ gab ich mich dem Gerüttel und Geschüttel, den Vibrationen und den Sprüngen über die unebene Oberfläche hin. Dabei war ich sehr darauf bedacht, den Anweisungen meines erfahrenen Mitstreiters zu folgen.

Mit voller Kraft voraus: Wenn du mit Schwung und ohne zu zögern über die Passagen fährst, wirst du das Pavé mit Bravour meistern (Foto: Sirotti)
  • Locker bleiben

Was einem auf normalem Asphalt nach einiger Zeit ins Fleisch und Blut übergeht, ist nicht so einfach, wenn das Rennrad von einem Pflasterstein zum nächsten zu springen scheint. Es ist wichtig, das Rad gewähren zu lassen und umso entspannter zu bleiben, je brutaler das Pavé wird. Mit den Händen solltest du den Lenker möglichst locker führen und nicht versuchen, ihn krampfhaft festzuhalten. Das ist im Kopf erstmal nicht so einfach und es ist ein gewisses Maß an Vertrauen in den Geradeauslauf deines Fahrrades nötig.

Wenn du locker bleibst, verringerst du die Reibung, die unter deinen Händen erzeugt würde, wenn du zu stark am Lenker festhieltest, denn der Lenker wird sich so und so schütteln und winden. Die Reibung bei einer verkrampften Haltung kann dir schmerzhafte Blasen einbringen. Einige Fahrer umwickeln ihre Finger mit Pflaster, um die Einschläge und die Reibung abzumildern. Auch wenn du alles richtig machst und du der lockerste Rennradfahrer bist, den diese Welt je sah: Sei darauf gefasst, dass es deinen Händen dennoch wehtun wird.

  • Mit voller Kraft voraus

Die Profis rollen mit unfassbarer Geschwindigkeit über das Pavé – so schnell, dass sie darüber zu gleiten scheinen. Je schneller du bist, desto schneller ist der Spuk (und der Schmerz vorbei) und um so gleichmäßiger bügelst du über das Kopfsteinpflaster. Das Pavé bewältigst du am besten in einem hohen Gang. Du kannst so besseren und gleichmäßigen Druck auf dein Hinterrad ausüben, was verhindern sollte, das es hin und her springt. Ständig mit großem Druck zu fahren macht schnell müde und dicke Beine. Daher solltest du zwischen den Passagen deinen Beinen so viel Erholung wie möglich bieten und sie in einem leichteren Gang kreisen lassen.

  • Unverzagt und ohne zu zögern

Dein Fahrrad wird dich schon über das Pflaster tragen, wenn du es nur machen lässt. Du gibst die Kraft und treibst es an, der Rest kommt von alleine. Wenn du auf die Passage triffst, bleibe deiner Linie treu und sei darum bemüht, schnelle und ruckartige Manöver zu vermeiden. Du schließt auf einen langsameren Fahrer auf? Eine Flasche fällt aus einem Flaschenhalter? Halte deinen Augen offen und fahre vorausschauend, damit du deine Ausweichmanöver etwas planen kannst.

Auch die Profis weichen manchmal auf den Seitenstreifen aus, um weiterzukommen und sich zu erholen.

Wenn du die Passagen mit viel Selbstbewusstsein und Schwung in Angriff nimmst, das Rad unter dir tanzen lässt und das über die Länge des Pavé beibehältst, wirst du diese Straßen der Klassiker mit Bravour meistern. Einige Passagen haben einen schmalen, asphaltierten oder unbefestigten Straßenrand, auf den du ausweichen kannst, wenn das Gerüttel zu viel wird. Das ist keine Schande: Während der großen Rennen wirst du immer wieder Profis beobachten können, die diese „Notstreifen“ in Anspruch nehmen, um voranzukommen.

Nach dem Pavé – vor dem Pavé?

Dein erstes Mal auf Kopfsteinpflaster wird ein erinnerungswürdiger Augenblick werden. Du wirst dir denken, dass dein Rad jeden Augenblick in tausend Teile zerspringen wird, du wirst durchgeschüttelt werden, wie du es noch nie erlebt hast und Muskelkater an Orten verspüren, wo du noch nie einen hattest. Und vielleicht wirst du dir währenddessen auch die Frage stellen, warum du das Ganze hier jetzt eigentlich machst.

Doch wenn du völlig erschöpft und verdreckt am Ziel angekommen bist, die Glückshormone einschießen und du zurückblickst auf viele Kilometer Straßenhölle, die du überlebt hast, dann schmeckst du die Faszination, die von den altehrwürdigen Klassikerstrecken ausgeht gleich viel intensiver. Und Vorsicht: So mancher wurde schon unheilbar pavésüchtig!

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