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Rennberichte & Analysen

Giro d’Italia 2017 – Ein Rückblick

Das war der 100. Giro d'Italia

Die Aufregung ist vorüber. Der Zirkus des Giro d’Italia mit allem, was dazugehört – Fernsehcrews, Teambusse, die Material und Leute irgendwie über die Pässe kriegen, nicht zu vergessen die tifosi – haben Italien verlassen. Nach und nach verschwinden die letzten rosafarbenen Kleckse in den Städten und Dörfern, die vom Giro-Fieber gepackt worden waren.

Was bleibt, sind die Erinnerungen an eine unvergessliche Grand Tour. Die 100. Auflage des Giro d’Italia schrieb Geschichte und bescherte uns Radsportfans mit Eindrücken und Ereignissen, die uns für immer in Erinnerung bleiben werden. Gleichzeitig gab es auch Augenblicke, die diesen Giro d’Italia in dem Moment, als sie geschahen, einen Hauch von Drama bescherten und allein deshalb nicht in Vergessenheit geraten sollten. Hier ein kurzer Rückblick auf drei Wochen in Italien, die Radsportgeschichte schrieben.

(Bild: Sirotti)

Tom Dumoulin schreibt Geschichte – Holland feiert seinen ersten Grand-Tour-Sieger

Er kam, er sah, er holte sich das Maglia Rosa, er verlor und holte es sich wieder: Nach drei anstrengenden, nervenaufreibenden und harten Wochen wurde Tom Dumoulin (Sunweb) für alle Strapazen mit dem Sieg des Giro d’Italia belohnt. Der 26-jährige Profi aus Maastricht ist damit der erste Holländer, der den Giro d’Italia gewonnen hat.

Nach anstrengenden drei Wochen: Tom Dumoulin schreibt Radsportgeschichte (Bild: SirottI)

Sein Weg zum Sieg war nicht einfach: Seine engsten Rivalen, Vincenzo Nibali (Bahrain-Merida) und Nairo Quintana (Movistar) hatten auch ihre Augen auf den höchsten Preis gesetzt und versuchten mit aller Kraft, Dumoulin den Sieg streitig zu machen. Das Trio dieser Giro-Favoriten lieferten den Tifosi, ob nun am Straßenrand oder vor dem Bildschirm, unvergessliche Kämpfe in den Bergen und auf den Etappen.

Dumoulin holte sich das Maglia Rosa auf der 10. Etappe, als er im Einzelzeitfahren mit seiner Kraft und Fähigkeit einen beachtlichen Zeitvorsprung zwischen sich und den Rest der Gesamtklassifikationsanwärter einfuhr. Der Sunweb-Fahrer konnte die Führung für sich beanspruchen und bis zur 18. Etappe erfolgreich verteidigen. Trotz eines unvorhergesehenen und ungücklichen Zwischenfalls.

Ein Notgel nach der Notdurft? (Bild: Sirotti)

Der Moment, in dem das Maglia Rosa sich seines Trikots und seiner Shorts entledigte, um den Straßenrand als ein nicht so stilles Örtchen zu benutzen, wird in die Annalen des Giro d’Italia eingehen. Dumoulin verlor nach diesem unvorhergesehenem Zwischenfall den Anschluss, schaffte es aber, das Trikot noch bis zur 18. Etappe erfolgreich zu verteidigen.

Tom Dumoulin befand sich einsam auf der weiten Flur des Berges – nur die Fans am Straßenrand motivierten und feuerten den Holländer an. Wir werden nie vergessen, wie sehr Dumoulin an diesem Tag um seinen Titel kämpfte.

Kämpfe in den Bergen waren vielzählig. (Bild: Sirotti)

Das Höhenmetermassaker des Giro d’Italia forderte seine Opfer. Auch das Maglia Rosa wechselte letztendlich den Besitzer: Nairo Quintana holte sich den Zeitvorsprung auf der vorletzten Bergetappe.

Es kam zum Showdown zwischen den drei Podiumsplätzen im Einzelzeitfahren der letzten Etappe: Es war wahrscheinlich das nervenaufreibendste Zeitfahren seiner Karriere, aber Tom Dumoulin ließ sich nichts anmerken. Mit seiner zweitbesten Zeit holte er sich am letzten Tag des Giro d’Italia wieder das Maglia Rosa und den Gesamtsieg.

Unvergesslich war auch die emotionale Reaktion seines Landsmannes Jos van Emden, der mit seiner starken Leistung die Etappe gewann.

Für Holland war der letzte Tag des Giro d’Italia ein doppelter Grund zum Feiern.

Ein Giro d’Italia der Debutanten

Gleich am ersten Tag kam es zu dem wahrscheinlich größten Überraschung des Giro, als Lukas Pöstlberger den Sprintern die Show stahl und sich den Etappensieg holte. Der junge Fahrer holte sich am ersten Tag der Italienrundfahrt nicht nur seinen ersten Etappensieg einer Grand Tour seiner Karriere. Er setzte noch einen drauf und holte sich mit diesem Sieg das Maglia Rosa.

Vier Etappensiege und Sieger in der Punktwertung – die Tour de France 2017 war ein sehr erfolgreiches Debut für Fernando Gaviria. (Bild: Sirotti)

Fernando Gaviria feierte auch ein sehr erfolgreiches Debut auf der Bühne der Grand Touren: Der Sprinter schien unaufhaltsam und holte sich ingesamt vier Etappensiege, zwei an aufeinanderfolgenden Tagen. Er beendete seinen Giro d’Italia, und damit seine erste Grand Tour, im Trikot des Siegers in der Punktewertung. Ein großartiger Start in seine Grand-Tour-Karriere.

André Greipel sprintet zum Sieg und in das Maglia Rosa (Bild: Sirotti)

Gorilla in rosa

Auch André, “der Gorilla”, Greipel konnte wieder einen Erfolg bei einer Grand Tour verzeichnen. Auf der zweiten Etappe zeigte er bei seinem Sprint zum Sieg, warum er derzeitig als einer der größten Sprinter gefeiert wird. Er holte sich nicht nur die Etappe, sondern auch das Maglia Rosa. Der Gorilla konnte während des Rests des Giro d’Italia seinen Erfolg der zweiten Etappe nicht wiederholen. Aber der deutsche Meister im Straßenrennen hat durch den einen Sieg beim 100. Giro d’Italia erreicht, dass er seit Beginn seiner Karriere bei jeder der Grand Touren, an denen er teilgenommen hat, einen Etappensieg vorzuzeigen hat.

Die Erinnerung lebt weiter: Tifosi zollen überall an der Strecke ihren Respekt für den verstorbenen Profi. (Bild: Sirotti)

In Memoriam

Für die Profis, vor allem für das Team Astana, war dieser Giro d’Italia mit einer gewissen Trauer verbunden. Der italienische Profi Michele Scarponi, Mitglied des Team Astana und Sieger des Giro d’Italia 2011, war im April während des Trainings tödlich verunglückt, nachdem er von einem Transporter erfasst worden war. Der Italiener sollte Astana als Teamleader durch den 100. Giro d’Italia führen. Aus Respekt entschloss sich Astana, seinen Posten nicht durch einen anderen Fahrer zu ersetzen.

Zusammen mit den anderen Fahrern und den Fans gedachten seine Astana-Teamkollegen während einer Schweigeminute am ersten Tag des Giro d’Italia ihrem verstorbenen Kollegen.

Auf den höchsten Punkten der Etappen wurde Scarponi von den Tifosi gefeiert (Bild: Sirotti)

Andere tragische Ereignisse ließen das Peleton und die Tifosi in all ihrem Jubel, ihrer Begeisterung und ihrem Kampf um den Sieg, oder einfach das Ankommen, einen kurzen Moment innehalten. Am Morgen der Königsetappe, der größten und aufregendsten Etappe des Giro d’Italia, gedachten die Fahrer weiteren Menschen, die am Tag zuvor auf tragische Weise ihr Leben verloren hatten:

Die Triathletin Julia Viellehner und der Moto GP Champion Nicky Hayden erlagen schweren Verletzungen, nachdem sie während einer Trainingsfahrt von einem LKW erfasst worden waren. Die tragischen Unfälle ereigneten sich unabhängig voneinander in Italien.

An dem Tag, an dem die beiden Sportprofis starben, wurde die nordenglische Stadt Manchester spät am Abend Szene eines Terrorangriffs, in der 22 Menschen, darunter auch Kinder, starben und mindestens 120 verletzt wurden.

Unschöne Zwischenfälle

Während des Rennens kann es in der Hitze des Gefechts schon mal zu Ausschreitungen kommen, die vielleicht im ersten Moment nicht durchdacht wurden. Für einige bedeutete das ein Ende des Giro d’Italia, bevor er richtig angefangen hatte:

Auf der vierten Etappe wurde Javier Moreno (Bahrain-Merida) vom Giro d’Italia disqualifiziert, nachdem Videoaufnahmen zeigten wie er gegenüber Diego Rosa (Team Sky) handgreiflich wurde.

Im Peloton ist kein Platz für Ausschreitungen jeglicher Art innerhalb des Fahrerfeldes während des Rennens. Die UCI machte mit der Disqualifikation des Spaniers kurzen Prozess.

(Bild: Sirotti)

Unfälle mit motorisierten Fahrzeugen scheinen leider auf den Grand Touren ein reguläres Ereignis zu werden.

Bedauerlicherweise gab es auf dem Giro d’Italia auch einen unglücklichen Zwischenfall mit einem motorisierten Fahrzeug, der für Geraint Thomas (Team Sky) ein frühzeitiges Ende seiner Hoffnungen auf den Gesamtsieg.

Auf der 9. Etappe raste das Peleton mit nur noch 15 Kilometern Richtung Ziel auf dem Blockhaus, als Wilco Kelderman (Sunweb) auf ein Polizeimotorrad auffuhr, das unglücklich am Straßenrand parkte. Kelderman stürzte und riss einige Fahrer mit sich, unter anderem Geraint Thomas. Kelderman brach sich die Finger und wurde dadurch zur Aufgabe gezwungen.

Thomas, der bis zu dem Zeitpunkt als dritter in der Gesamtwertung stand, kugelte ich durch den Sturz die Schulter aus, konnte aber, nachdem sie eingekugelt worden war, wieder weiterfahren. Jedoch verzeichnete er starke Zeiteinbußen und verlor seinen Platz in der Gesamtwertung. Sein Traum des Sieges beim Giro d’Italia rückte in weite Ferne.

Zwei Tage später sah sich Thomas aufgrund seiner Verletztungen zur Aufgabe gezwungen.

(Bild: Sirotti)

Eitel Sonnenschein

Der Giro d’Italia ist für seine Wetterkapriolen berühmt und berüchtigt. Wer kann sich nicht an Bilder des Giro erinnern, die zeigen wie halberfrorene Fahrer ins Ziel rollen, nachdem sie Hagel, Schneestürme und eiskalten Regen erdulden mussten? Berichte von Etappen, die kurzfristig geändert wurden, weil Pässe durch Schnee und Eis unpassierbar wurden?

Diese widrigen Witterungen geben dem Giro d’Italia seinen Anreiz und Charme und sorgt für viel Drama und spektakuläre Stürze auf regennassen italienischen Straßen.

Die Regenschirme dienten beim 100. Giro nur zur Dekortation – oder als Sonnenschirm. (Bild: Sirotti)

Beim 100. Giro d’Italia war alles anders: Wenn Engel reisen, lacht der Himmel und beim 100. Jubiläum müssen viele Engel unterwegs gewesen sein – oder Himmel entschloss sich, mit den Tifosi um die Wette zu lachen:

In den drei Wochen des Giros fiel nicht ein Tropfen Regen. Die Wassermassen, die sonst vom Himmel kommen, blieben aus. Stattdessen lachte die Sonne drei Wochen vom Himmel.

Nicht jeder wusste dieses Wetterglück zu schätzen: Alex Howes (Cannondale-Drapac), der sein Giro-Debut feierte, hatte das Gefühl, er habe etwas verpasst.

“Dieses war mein erster Giro d’Italia, meine erste rosa Reise durch Italien. Und es war schön. Irgendwie fühle ich mich um das echte Giro-Feeling gebracht, denn es hat nicht einmal geregnet.”

“Es gab keine schweren Stürze. Es passierte nichts von dem, was man sonst zu sehen oder zu hören bekommt. All die Geschichten, die sonst erzählt werden? Nichts von alledem ist passiert. Aber der Giro ist auf jeden Fall eine sehr große körperliche Herausforderung. Es geht viel hoch und runter und lange Tage im Sattel. Würde ich es nochmal machen? Auf jeden Fall!”

Arrividerci – ci vediamo nella 2018! (Bild: Sirotti)

Summa Summarum

Es waren unvergessliche drei Wochen, die uns Italien mit seinem Giro d’Italia brachte. Wir hatten Drama, Intrigen, unvorhergesehene Ereignisse, Berge, Sprints, begeisterte Fans, Geschichte, die neu geschrieben wurde.

Ein Giro d’Italia, der uns bis zum Schluss in Spannung hielt – letztendlich lief es auf die letzte Etappe hinaus, die den Gesamtsieger entschied.

Wir verabschieden uns von Italien und den Tifosi, bedanken uns für einen unvergesslichen 100. Giro d’Italia und sagen:

“Arrividerci! Ci vediamo nella 2018!”

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