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Reise & Trainingslager

Transcontinental Race 2017 – Pre-Race-Interview mit René Bonn

Am 28. Juli geht das Transcontinental Race los. René Bonn ist einer der Starter bei diesem Ultradistanz-Rennen und wir haben ihm ein paar Fragen gestellt.

Für ein 4000 km langes Nonstop-Rennen mit etwa 40 000 Höhenmetern bedarf es penibler Vorbereitung. Wie diese lief, worauf er sich besonders freut, was für ein Rad er fährt, warum er überhaupt mitmacht und vieles mehr erzählt er uns in diesem Interview.

René ist 26 Jahre jung und wohnt im Taunus an der Loreley. Wenn er nicht grade auf dem Rad sitzt, studiert er Landwirtschaft und Umwelt oder arbeitet auf dem Hof.

Wer sich darüber informieren möchte, was genau das Transcontinental Race ist, findet hier unseren Artikel, in dem alles erklärt wird. Sobald das Rennen gestartet ist, könnt ihr die einzelnen Punkte der Teilnehmer und Teilnehmerinnen hier verfolgen.

René mit seinem Rennrad fürs Transcontinental Race. Er hat sich besonders aerodynamische Carbon-Boxen selbst gebaut, um sein Gepäck möglichst effizient transportieren zu können.

Hallo René, am Freitag startet das Transcontinental Race. Nachdem du letztes Jahr den Start nur als Helfer verfolgen konntest, wirst du nun als Teilnehmer ins Rennen gehen. Wie groß ist die Vorfreude?

„Es schwankt zwischen Vorfreude, Nervosität und: „Hoffentlich bekomme ich noch alles fertig bis zum Start!“ Aber die Vorfreude überwiegt. Sobald ich Freitagabend auf dem Rad sitze, ist alles gut.“

René, als er bei der Transcimbrica als Erster im Ziel war. Die Transcimbrica ist eine kleine Langstreckenradfahrt im Bikepackingmodus. Sie findet im März statt. Die Route führt von Hamburg nach Skagen und wieder zurück.

Wir freuen uns auch schon sehr auf das Rennen. Wie bist du überhaupt auf das Transcontinental Race aufmerksam geworden?

„Irgendwo habe ich mal einen Bericht von Jesse Carlsons Trans Am 2015 gelesen und ein Bild von seinem Rad gesehen. Das fand ich alles mega beeindruckend. Dann habe ich nach anderen Ultralangstreckenfahrern gesucht und bin über Juliana Buhrings Blog auf das TCR gestoßen. Da wusste ich: Das ist genau mein Ding.“

Für die, die sich nicht ganz so gut in dem Bereich auskennen: das Trans Am ist sozusagen die amerikanische Version des Transcontinental Race (TCR). Jesse Carlson hatte dieses Rennen gewonnen. Juliana Buhring ist durch ihre Weltumrundung mit dem Rennrad bekannt geworden.

Warum ist es grade das Transcontinental Race und nicht irgendein anderes Ultradistanz-Rennen, das dein diesjähriger Jahreshöhepunkt werden soll?

„Das Rennen fasziniert mich. Die Idee, quer durch den ganzen Kontinent zu fahren, dazu die immer neuen und immer tollen Checkpoints. Die Strecke dieses Jahr wird sicher spektakulär. Vor allem auf die Karpaten und die Transfagarasan freue ich mich.“

Während das Rennen die Einen fasziniert, ist es für Andere absolut unverständlich, wie man so etwas freiwillig tun kann. Die meisten Menschen werden sich wohl fragen: warum? Warum tun die sich das an? Warum startest du?

„Auf die Frage gibt es tausend Antworten und doch keine. „Warum?“, das ist während solcher Rennen immer der Gedanke, der mir selbst am häufigsten durch den Kopf geht. Manchmal muss man einfach weiter fahren, weil man gerade keine Antwort weiß. Und dann gibt es die Momente, wie wenn nach stundenlangem Regen der Himmel wieder klar wird oder wenn nach einer langen Nacht auf dem Rad die Sonne aufgeht. Dann gibt es keinen Ort auf der Welt, an dem ich lieber wäre.

Warum ich starte? Natürlich für das Abenteuer. Deswegen lesen wir ja auch die Geschichten von Frodo und Bilbo und ihren Erlebnissen. Die Geschichten von Lobelia und Otho, die zu Hause im Auenland geblieben sind, wären bestimmt nicht halb so spannend. Ein paar Abenteuer machen das Leben doch interessanter.“

Welche Erfahrung hast du bereits im Ultradistanz-Bereich gesammelt?

„Bei Ultradistanzen hab ich eigentlich mit bergigen Ultra-Triathlons angefangen: vier mal den Inferno-Triathlon in der Schweiz und letztes Jahr den Evergreen-Endurance-228-Triathlon in den französischen Alpen. Vor zwei Jahren war ich dann das erste Mal „richtig lange“ unterwegs, allerdings in Laufschuhen: beim Andorra Ultra Mític mit 112 km und 9700 Höhenmetern.

Das mit Ultralangstrecken auf dem Rad habe ich erst letztes Jahr zum ersten Mal gemacht. Ein paar 600er-Brevets, ein Everesting, die Transcimbrica und Navad 1000 bin ich gefahren, wobei ich Letzteres verletzungsbedingt abbrechen musste. Die reinen Radwettkämpfe liegen mir anscheinend besser als das Laufen und Schwimmen, obwohl mir zumindest das Laufen auch mindestens genau so viel Spaß macht.“

Die mehr als 1000 km der Transcimbrica, bei der du übrigens als erster im Ziel warst, und die Navad 1000, ein unsupportetes Mountainbikerennen durch die Schweiz, sind bestimmt eine sehr gute Vorbereitung. Wie hast du dich sonst auf das Transcontinental Race vorbereitet und verlief deine Vorbereitung gut?

„Im Winter habe ich viel Krafttraining gemacht. Drei Einheiten jede Woche, mit freien Gewichten, also Kniebeugen, Kreuzheben, Rudern, Klimmzüge, Good Mornings und so weiter. Dazu Yoga und Stabiübungen und natürlich auch ein paar Einheiten auf dem Rennrad und Mountainbike. Ab dem Frühjahr war ich dann fast nur noch Rennrad fahren, auch schon mal längere Touren bis 400 km.

Nach der Transcimbrica im März hätte ich leider lange mit Achillesproblemen zu kämpfen, daher konnte ich oft nicht oder nur wenig trainieren. Bisher habe ich dieses Jahr knapp 9000 km in den Beinen, geplant hatte ich ca. 20 000. Ich konnte durch die Verletzung auch nicht ganz so viele intensive Einheiten fahren, wie ich es vor hatte. Aber es läuft eben nicht immer wie geplant und dafür bin ich mit meiner Form eigentlich ganz zufrieden.“

Ihr müsst euch die Route zwischen den Checkpoints selbst erarbeiten. Eine möglichst optimale Strecke zu finden, kostet natürlich viel Zeit. Dies ist aber absolut wichtig für ein erfolgreiches Rennen. Wie viele Stunden hast du damit verbracht, an deiner Route zu basteln?

„Schwer zu sagen – 100 Stunden? Vielleicht mehr.“

Dies ist die Route des Transcontinental Race. Alle vier Checkpoints müssen angefahren werden. Dazwischen kann die Route frei gewählt werden.

Oh, das ist wirklich viel! Aber kommen wir zu deinem Fahrrad. Was für eins fährst du beim Transcontinental Race?

„Ein Cube Agree C:62 Race Disc. Aber daran ist irgendwie nicht mehr viel Original: Die Laufräder sind jetzt Hunt 50 Carbon Aero mit Schwalbe Pro One Tubeless in 28 mm. Der Sattel ist ein megabequemer Selle Italia SLR Kit Carbonio Flow. Für besseren Komfort habe ich eine gefederte Sattelstütze (Canyon VCLS 2.0) und einen gefederten Vorbau (Redshift ShockStop) installiert und Fizik Bar Gel unters Lenkerband gepackt. Bei der Schaltung ist die Ultegra dran geblieben, aber hinten jetzt ein langes Schaltwerk mit 11-32er-Kassette und vorn der neue Umwerfer mit integriertem Zugspanner. Außerdem habe ich die Bremsscheibe vorn durch eine größere 160er-Dura-Ace-Scheibe ersetzt. Achso und ein Aerolenker ist natürlich drauf: ein Profile Design Sonic CSX.

Für das Licht sorgen hauptsächlich eine Exposure Strada vorne und eine NiteRider CherryBomb hinten. Das Gepäck ist komplett in selbst gebauten, aerodynamischen Boxen aus Carbon verstaut, die die Stirnfläche des Rades fast nicht vergrößern.“

Deine selbstgebauten Boxen sehen echt schick aus. Das Rennrad sowieso! Die meisten Teilnehmer werden aber wohl eher auf die normalen Bikepackingtaschen setzen. Was packst du alles in die Boxen? Und wie schwer wird dein Rad mit Gepäck sein?

Renés selbstgebauten Boxen sind sehr schmal, um dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten und einen möglichst großen aerodynamischen Vorteil zu haben. Sogar an eine integrierte Lichthalterung hat er gedacht.

„Es ist ja ein Rennen, also kommt nur das Nötigste mit. Zum Schlafen habe ich einen Biwaksack, eine Daunenweste und eine Isomatte, keinen Schlafsack. An Kleidung sind natürlich Regenklamotten dabei, außerdem Armlinge, Beinlinge, Wechselsocken, Beanie, Windjacke und Warnweste. Am schwersten ist die Elektronik mit Lampe, Stirnlampe, zwei Rücklichtern, Powerbank, zwei GPS-Geräten, Handy, GPS-Tracker, Ersatzbatterien, Ladegerät, Kabeln und MP3-Player. Zwei Ersatzschläuche und das nötigste Werkzeug habe ich auch noch mit.

Alles in Allem wird das Rad wahrscheinlich um die 17 kg wiegen. Davon sind etwa 3 kg Wasser und 0,5 bis 1 kg Essen. Die Carbon-Boxen sind auch deutlich schwerer als normale Bikepackingtaschen. Aber auch deutlich schneller. Das Transcontinental Race ist im Prinzip ein sehr langes Zeitfahren. Aerodynamik ist alles, Gewicht wird überbewertet.“

Ja, ein wirklich sehr langes Zeitfahren. Verrätst du uns, wie viele Kilometer du am Tag fahren willst oder bleibt das geheim?

„Die genaue Zahl, die ich mir vorgenommen habe, bleibt erst einmal geheim. Aber über 400 km pro Tag sollten es nach meinem Plan schon werden, wenn nichts dazwischen kommt.“

Bei einem so langem Rennen kann sehr viel dazwischen kommen. Aber mit der Kilometerzahl wärst du sehr weit vorne im Rennen. Diese vielen Kilometer sind natürlich nicht nur eine große körperliche Herausforderung sondern viel mehr auch eine mentale. Wie hältst du dich motiviert?

„Mit Essen! Mit viel Essen!“

Monte Grappa in Italien ist dieses Jahr einer der Checkpunkte beim Transcontinental Race. Foto: Luca Baggio @ Unsplash

Das ist alles?

„Nein, natürlich nicht, aber es ist das Wichtigste. Wenn man einen Hungerast bekommt, ist die Motivation erst einmal dahin. Ansonsten ist das lange Radfahren für mich oft wie Meditation. Dann läuft es einfach. Wenn es doch anstrengend wird, setze ich mir Zwischenziele und rechne herum. „Bis zur nächsten Bergkuppe, dann ist die Hälfte der Höhenmeter für heute geschafft“, oder: „Noch 150 km, dann eine halbe Stunde Mittagsschlaf!“ So etwas eben. Selbstgespräche sind auch immer hilfreich. Wenn man durch eine abwechslungsreiche Landschaft fährt, motiviert das auch. Es gibt natürlich noch dutzende andere kleine Tricks, aber die verrate ich jetzt nicht alle.“

Kommt man da nicht irgendwann an einen Punkt, an dem man kein Essen mehr sehen kann?

„Ja, doch! Irgendwann ist dir hundeelend und du willst nichts mehr essen. Du musst aber, sonst geht es nicht weiter. Also zwingst du dich dazu. Dann schmeckt alles richtig eklig. Cola geht dann meistens noch. Wenn ich die bekomme, trinke ich die dann.“

Wie viele Stunden planst du für den Schlaf ein? Wo wirst du schlafen?

„Vielleicht drei bis vier Stunden in der Nacht, wenn es gut läuft. Eventuell noch mal eine halbe Stunde Power-Nap mittags, vor allem wenn es sehr heiß ist. Die meisten Nächte werde ich draußen im Biwaksack unter den Sternen campen. Wenn das Wetter wirklich schlimm wird, nehme ich auch mal ein Zimmer zum Aufwärmen. Da kann man dann auch Elektrogeräte nachladen, ich fahre ja ohne Dynamo.“

Die Hohe Tatra ist ein weiterer der insgesamt vier Checkpunkte des Transcontinental Race 2017. Foto: jeshoots @ Unsplash

Worauf freust du dich besonders?

„Außer auf die Transfagarasan? Auf die Leute! Bei solchen Rennen sind immer viele tolle Menschen am Start. Und es tut gut, mal andere zu treffen, die die gleiche „verrückte“ Leidenschaft haben.“

Schöne Antwort! Wovor hast du am meisten Respekt?

„Vor den Hunden im Balkan!“

Okay, das ist verständlich. Ich hoffe, du wirst immer schnell genug sein. Vielen Dank für das Interview. Wir sind sehr gespannt, wie das Transcontinental Race verlaufen wird und wünschen dir natürlich eine super Platzierung, ganz viel Spaß und ein tolles Abenteuer!

Roadcycling.de wird über den Verlauf des Rennens berichten! Mehr Informationen zum Transcontinental Race gibt es hier!

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