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Rennräder

Simplon Pavo Granfondo 2016 – Test, Technik, Bilder

Das 2016er Simplon Pavo Granfondo im Test: Technik, Fahreigenschaften, Bilder

Das Pavo Granfondo von Simplon will ein treuer und komfortabler Begleiter auf langer Strecke sein: “Höchster Komfort und herausragende Fahreigenschaften vereint in einem hypermodernen Rennrad.” – viele Adjektive, starker Tobak, astreines Marketinggeschwafel.

Wird das Granfondo der blumigen Beschreibung des Herstellers gerecht?

Schön ist es gewiss. Doch sind es die inneren Werte, die aus schönen Bikes gute Bikes machen. Foto: Arian Schlichenmayer

Es war ein später Spätwintersamstag. Der Zug war verspätet. Wie gefühlt immer. Manche Dinge ändern sich nicht, dachte ich. Ich nahm im Großraumabteil Platz, als ich von hinten ein Stimme hörte: “Oh, schön!”.

Im Zug mit einem Model

Ich war auf dem Weg zum Fototermin und sollte ein Model ablichten. “Shooten”, wie man so sagt, aber nur, wenn man cool ist. Eine Location (cool) irgendwo im Norden Münchens, in der flachen Schotterebene der Isar. Da gibt es ein paar Stellen mit moderner Architektur. Aufgeräumt, clean, silber, ein paar strenge Linien. Das passt bestimmt gut zum Model, dachte ich. Das Model hatte ich gleich dabei.

Sein Name? Pavo Granfondo.

Foto: Arian Schlichenmayer

“Schönes Rad”

Ich drehte mich um und blickte in das gutgelaunte Gesicht des Schaffners.

“Das ist aber ein schönes Fahrrad!”, rief er.

Er deutete mit der Hand auf das Granfondo und entsponn ein Gespräch über den Radsport und die Faszination des Radfahrens. Wieviel es koste, wollte er wissen.

“5000 – ungefähr”, sagte ich.

“Wunderschön …”, seine Antwort, “aus Alu, oder?”

“Nein, Carbon, ist sehr leicht, heben Sie mal.”

“Bestimmt sehr steifer Rahmen.”

“Ja, in der Tat, dennoch ziemlich komfortabel. Übrigens made in Austria.”

“Wunderschön, wirklich”, die Augen des Schaffners leuchteten.

Der Zug setzte sich in Bewegung. “Trotz allem”, sagte der Schaffner mit einem entschuldigenden Lächeln, “die Fahrkarten bitte”.

Zug kommt später, Schaffner kontrolliert. Manche Dinge ändern sich auch in Begleitung des Granfondo nicht.

Die inneren Werte des Simplon Pavo Granfondo

Das hier vorgestellte Testbike hat einen 55er-Rahmen und wiegt dabei ein Quäntchen weniger als 7,3 Kilogramm ohne Pedale. Eine komplette Ultegra-Gruppe, sowie ein feiner Satz RC38C-Laufräder von DT Swiss sind installiert. Fällt die Wahl des Käufers auf einen anderen Laufradsatz, lässt sich der Preis von 4944 Euro schnell um über eintausend Euro drücken.

Simplon bietet einen bekanntlich gut funktionierenden Konfigurator, in dem man sich sein Fahrrad aus verschiedenen Rahmen und Komponenten zusammenstellen kann. Hier hat man nicht nur die Wahl zwischen kompakten und normalen Kurbelgarnituren und verschiedenen Kurbellängen, sondern kann auf Wunsch auch mit Dura Ace DI-2 fahren.

Je nach Ausstattung wiegt das Komplettrad ohne Pedale nur noch 6,7 Kilogramm, der Preis schnellt dafür auf über 7500 Euro hinauf. Die Preisspanne beginnt bei 3599 Euro für die Basisversion mit Ultegra-Ausstattung und einem Mavic-Ksyrium-Laufradsatz.

Sollte der Lenker zu stark eingeschlagen werden, gibt das Simplon Pavo Granfondo einen freundlichen Hinweis auf die korrekte Lenkrichtung für schnelles Fahren. Foto: Martin Schlichenmayer

Der Rahmen des Simplon Pavo Granfondo 2016

Der Rahmen wiegt 1151 Gramm, die Gabel 337 Gramm. Kein Superleichtbau – das will das Granfondo auch nicht sein – aber im guten Mittelfeld und ein guter Kompromiss aus Stabilität und Klettertauglichkeit.

Das Oberrohr beginnt vorne voluminös, wird nach hinten, fast spektakulär, flacher und fällt dann in einem Bogen nach unten ab, verzweigt sich beiderseits in die Sitzstreben, während mittig das Sattelrohr emporragt und einen eckigen Gegenakzent setzt zum fließenden Übergang zwischen Oberrohr und Sitzstreben.

Die Sattelstütze ist hinten plan. Das hat den Vorteil, dass der Sattel immer mit dem Oberrohr fluchtet und ein nachträgliches Verdrehen des Sattels ausgeschlossen ist.

Das Sattelrohr ist hinten abgeflacht und fasst eine ebenso abgeflachte Sattelstütze: verdrehsicher, aber nicht beliebig austauschbar. Foto: Martin Schlichenmayer

Der Nachteil dieser Form ist, dass die Sattelstütze proprietär ist und herkömmliche, runde Sattelstützen am Pavo Granfondo nicht verwendbar sind. Fixiert wird die Sattelstütze durch einen im Oberrohr integrierten Klemmmechanismus. Vorsicht beim Herausziehen: Dabei kann leicht der Klemmblock in das Sattelrohr fallen und der muss dann mittels eines Innensechskants wieder herausgefummelt werden. Eine andere Methode ist, das ganze Rad einfach umzudrehen, um wieder an den Klemmer zu gelangen.

Die Geometrie des Simplon Pavo Granfondo

Klar: Das Granfondo ist komfortorientiert und geeignet, lange, ausdauernde Strecken zu fahren. 165 mm Steuerrohr- und 565 mm Oberrohrlänge (alle Maße gelten für die getestete Rahmengröße 55) weisen es als Endurancebike aus. Es ergibt sich eine aufrechte, langstreckentaugliche Sitzposition. 1006 mm Radstand verursachen einen stabilen Geradeauslauf und passen gut auf das Konzept eines Ausdauerrenners.

Im Simplon-Konfigurator können Vorbauten gewählt werden (sämtlich aus AL7075er-Alulegierung), die in 10-mm-Schritten von 80 mm bis 120 mm Länge reichen und ein ordentliches Maß Anpassung der Sitzposition an die Vorlieben des Fahrers erlauben.

Fahreigenschaften des Simplon Pavo Granfondo 2016

Das Zusammenspiel der Schwalbe Pro One und der DT Swiss RC38 Spline mit dem Rahmenflex, vom flachen Oberrohr herrührend, ergibt ein außerordentlich souveränes Abfedern über Kopfsteinpflaster und schlechte Straßen, fast gänzlich ohne bockiges Hüpfen und Traktionsverlust.

Stark: Die DT Swiss RC38C in Kombination mit Schwalbe Pro One in 25 mm, harmonieren hervorragend mit dem Rahmen und haben sogar ein bisschen Aero-Qualität und -Look. Foto: Martin Schlichenmayer

Am hinteren Ende des Fahrers kommt eine Rückmeldung an, die spürbar entschärft ist, scharfe Belastungsspitzen seidig in Flex verwandelt, dabei aber immer satten Bodenkontakt vermittelt. Ob hoch- oder niederfrequente Stöße, oder gar eine plötzliche, brutale Gullikante: Das Simplon Pavo Granfondo hält sicheren Bodenkontakt, ohne Armbrecher oder Arschtreter zu sein.

Ein kleiner, auditiver Wermutstropfen: Am Testrad fingen mit der Zeit die innenverlegten Züge an, bei starken Erschütterungen hörbar von innen gegen die Rahmenrohre zu schlagen – eine Schwäche vieler, wenn nicht der meisten Räder mit innerer Zugführung. Keine Einschränkung der Funktionalität oder Sicherheit, aber auch kein schönes Geräusch. Insbesondere, wenn man einen durchaus substanziellen Betrag von fünf Riesen in ein Fahrrad investiert.

Wir sind uns sicher: Die Lösung zum Abstellen des Klapperatismus würde gewiss wenig kosten, verhälfe aber zu einem wesentlich wertigerem Erscheinungs-, oder vielmehr Ertönungsbild eines Fahrrads. Macht euch da doch mal ein paar Gedanken, liebe Hersteller!

Trotzdem: Es macht saumäßig Spaß, mit dem Simplon übers Pavé zu ballern. Gerade, wenn der Reifendruck mit etwa 6,2 bis 6,5 Bar niedriger eingestellt ist, als das Maximum der 25 mm breiten Schwalbe Pro One von 7,5 Bar erlaubt (bei einem Systemgewicht von ungefähr 80 kg), machen Pflastersteine geradezu süchtig.

Starke Antritte nimmt das riesige Tretlager ungerührt hin, bei schnellen Abfahrten bleibt das Pavo Granfondo gelassen und hat fast keinerlei Neigung zum Shimmy im Bereich um 60 Stundenkilometer. Bergauf zählt jedes Gramm und das Granfondo ist zwar kein Ultraleichtrad, aber dennoch alles andere als ein Schwergewicht.

Das Tretlager ist voluminös und mag nicht so recht zum filigranen Rest des Bikes passen, aber seinen Dienst macht es hervorragend und es sorgt für viel Steifigkeit beim Antritt. Foto: Martin Schlichenmayer

Simplon nennt den kleinen Schwenk, den der Gabelausfall am Ende nach hinten macht, “Raptor Dropout”. Soll den Komfort verbessern. Ob es nun am Raptor Dropout liegt oder nicht: Dem Vorderbau des Simplon Pavo Granfondo mangelt es jedenfalls nicht an Komfort. Foto: Martin Schlichenmayer
Am Testrad war ein Selle Italia SLR Flow verbaut. Tadelloses Material, doch wenig am Fahrrad ist so individuell wie die Wahl eines zum Fahrerhintern passenden Sattels. Foto: Martin Schlichenmayer
Die DT Swiss Spline ist eine wahre Freude für Freunde leiser Freiläufe. Das Klackern ist sehr zurückhaltend, gedämpft und in der Tonlage tiefer und dumpfer als es beispielsweise bei Naben von Shimano der Fall ist. Foto: Martin Schlichenmayer
Simplon Pavo Grandfondo 2016. Foto: Arian Schlichenmayer

Simplon Pavo Granfondo – Testfazit

Die Abstimmung des Fahrwerks und des Flex ist der Fahrradschmiede aus Österreich wahrlich meisterhaft gelungen. Ausgewogen, komfortabel, unaufgeregt – so könnte man das Fahrgefühl beschreiben, wenn das Pavo Granfondo über schlimmste Holperpisten getrieben wird. Sensationell!

In seinem Jagdgebiet, der langen Strecke, fühlt sich das Simplon wohl und das spürt der Fahrer an der komfortablen Sitzposition. Entsprechend ist die Aerodynamik selbstverständlich nicht mit der eines spezialisierteren Rennrads zu vergleichen. Für Speedfreaks gibt es geeignetere Bikes, für tagelange Touren auf dem Rennrad hingegen wenig besseres. In der Redaktion war das Simplon ein äußerst gefragter Kandidat für “Testfahrten” (wohl eher: “genüssliche Wochenendausfahrten”) und praktisch dauernd ausgebucht.

Die Züge könnten herstellerseitig noch mit einer vorbeugenden Anti-Klapper-Lösung versehen werden. Ansonsten können wir die uneingeschränkte Kaufempfehlung für alle diejenigen aussprechen, die auf der Suche nach einem Langstreckenrenner sind, der überdies auch vor dem Café eine ausgezeichnete Figur macht.

Website: Simplon

Das Produktvideo von Simplon zum Pavo Granfondo

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