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Rennrad-Test

Simplon Pride 2019 – Test, Technik, Bilder

Das Simplon Pride in der neuesten Version von 2019 im Test bei Roadcycling.de

Die Komplettüberarbeitung des Simplon Pride sorgte schon vor dem Verkaufsstart, bei seiner Vorstellung im Sommer 2017, für viel Aufsehen. Vor allem dafür verantwortlich: die optisch ungewöhnliche Kombination aus Vorbau und Lenker, die Simplon selbst entwickelt hat und aerodynamische Höchstleistungen vollbringen soll.

Pride. Übersetzt aus dem Englischen heißt das „Stolz“ und ist bei der Neuauflage des Racebikes von Simplon Programm. Schon als bei den Eurobike Media Days 2017 Simplon-Geschäftsführer Stefan Vollbach das neue Pride vorstellte (das Video findest du weiter unten), wurde deutlich, dass man bei Simplon mächtig stolz auf seine neue Entwicklung ist. Und dieser widmete man auch gleich eine mehrteilige Videoserie (auch diese findest du weiter unten im Artikel).

Die bullige Optik des Simplon Pride ist nicht jedermanns Sache.
Die bullige Optik des Simplon Pride ist nicht jedermanns Sache.

Auch Mut hat Simplon beim neuen Pride bewiesen. Mut, zu polarisieren, denn vor allem der Lenker, eine Eigenentwicklung des Hauses, sorgte für jede Menge Kommentare in den sozialen Medien und nicht jeder davon zeugte von Begeisterung. Manch einer machte seine Empörung gar mit äußerst deutlichen Worten Luft. Stein des Anstoßes war, dass der Vorbau zweigeteilt war, sozusagen ein Schaufenster aufs Vorderrad offen ließ und somit für eine ungewohnte Optik sorgte.

Der Ausblick auf das Vorderrad durch den zweigeteilten Vorbau des Pride ist anfangs ziemlich ungewohnt.
Der Ausblick auf das Vorderrad durch den zweigeteilten Vorbau des Pride ist anfangs ziemlich ungewohnt.

Mit der ersten Version des Pride, die vor bald 15 Jahren das Licht der Öffentlichkeit erblickte, hat die aktuelle Version nicht viel gemein. Radikal umgestaltet wildert das Bike heute im Hochleistungs-Aero-Sektor und hat mittlerweile eine kleine und begeisterte Fangemeinde um sich geschart.

Ein Blick auf das Kammtail-Design des Simplon Pride

Das kantige Design des Simplon Pride rührt von den zahlreichen, aus dem Automobilbau entlehnten Kammtail-Profilen, die seinen aerolastigen Anspruch unterstreichen. An fast allen Rahmenteilen, besonders an Sitz- und Oberrohr, sowie beim Lenker, sind die nach hinten gewandten Bereiche mit einer deutlich sicht- und spürbaren Kante versehen. Statt sanft und rund zuzulaufen, wirken die Rahmenrohre beim Pride wie plötzlich hinten abgeschnitten. Ebenso zieht sich dieses Design bis in die Sattelstütze durch (diese kann übrigens auch durch eine herkömmliche, runde Sattelstütze ersetzt werden). Auf den ersten Blick sind diese Ecken und Kanten scheinbar ungeeignet, eine aerodynamisch widerstandsarme Windschnittigkeit herzustellen. Denn intuitiv kommen wohl die meisten Betrachter zum Schluss, dass die Tropfenform die ideale aerodynamisch günstigste Form ist.

Und das stimmt auch: Durch die im hinteren Bereich zu einer scharfen Schneide zusammenlaufende Geometrie einer Tropfenform kann der Luftstrom, nachdem ihn das Profil sozusagen durchschnitten hat, ohne Bildung von turbulenten Luftwirbeln wieder zusammengeführt werden. Über die ganze Oberfläche entsteht laminare, also verwirbelungsfreie Strömung, der Widerstand ist gegenüber sämtlichen anderen Formen minimal.

Am gesamten Pride dominieren Kammtail-Profile. Was die genau sind und warum sie aerodynamisch Sinn machen, erfährst du im Artikel.
Am gesamten Pride dominieren Kammtail-Profile. Was die genau sind und warum sie aerodynamisch Sinn machen, erfährst du im Artikel.

Konsequent durchgezogen wird das Tropfendesign heute bei Verkehrsflugzeugen, bei denen es in der Regel um das letzte Quäntchen Widerstandsarmut geht. Tragflächen, Höhenruder und Seitenruder ahmen die Tropfenform so gut es geht nach. Und auch der gesamte Rumpf wird möglichst nahe einer spitz zulaufenden Tropfenform konstruiert.

Doch am Rennrad wären genau diese Formen höchst unpraktikabel. Einerseits würden die Bauteile sehr ausladend und sperrig, zudem für Seitenwind enorm anfällig. Andererseits, und das ist der noch viel wichtigere Grund, verbieten sich messerscharf zulaufende Kanten an einem Sportgerät wegen der inakzeptablen Verletzungsgefahr.

Das Kammtail-Design am Simplon Pride, benannt nach einem deutschen Automobilaerodynamiker namens Wunibald Kamm, entsteht, wenn man die ideale Tropfenform im hinteren Bereich anschneidet. An den dadurch entstehenden Kanten der abrupt aufhörenden Profile bilden sich Luftturbulenzen, die in einer Wirbelschleppe hinterhergezogen werden. Dadurch entstehen hinter den Profilen Wirbelzonen, die im Idealfall genau die Form der fehlenden Schneide der Tropfenform annehmen und auch genau so funktionieren: Die Luftströme außerhalb dieser Zonen können möglichst widerstandsarm über die Wirbel gleiten und werden hinten sauber wieder zusammengeführt.

Trotz der geringfügigen Widerstände, die durch die Bildung der Wirbelzonen entstehen, stellen Kammtail-Profile heute den besten Kompromiss aus aerodynamischer Qualität und Praktikabilität an Fortbewegungsmitteln dar, die nicht auf die konstruktionstechnischen Freiheiten der Luftfahrt zurückgreifen können. Halbherzig abgerundete Profile sind, das ist das Erstaunliche und Kontraintuitive, aerodynamisch unterlegen.

Extrem verwindungssteif sorgt die Tretlagersektion beim Simplon Pride für eine ausgezeichnete Beschleunigung.
Extrem verwindungssteif sorgt die Tretlagersektion beim Simplon Pride für eine ausgezeichnete Beschleunigung

Fahreigenschaften

Soweit die Theorie: Die kantige, ja brutale Formensprache des Simplon Pride ist also zumindest zum Teil auch der Funktion geschuldet. Doch wie schlägt sich das Bike in der Praxis? Schon beim ersten Aufsitzen wird klar, dass das Rahmendesign des Aerobikes in Sachen Steifigkeit keine Kompromisse macht. Im Bereich des für einen reinrassigen Renner typischen kurzen Steuerrohrs werden die Querschnitte von Unter- und Oberrohr bullig größer und sorgen so für viel Stabilität. Auch heftiges Hin- und Herwerfen des Pride bei schneller Fahrt entlockt dem Rahmen so keine merkliche seitliche Verwindung.

Messerscharf folgt auf jeden noch so kleinen Lenkimpuls die entsprechende Reaktion des Bikes. Es schafft dabei das Kunststück, zwar mit glasklarer Unmittelbarkeit abzuwinkeln, dabei aber nicht nervös oder flatterig zu werden. Es sind die schnellen Haken – raus aus dem Windschatten, rein in die Lücke – die wegen dieser leichtfüßigen Manövriereigenschaften besonders viel Spaß machen. Das Simplon Pride giert geradezu nach Kurven, Schlenkern und Antritten.

Denn auch im hinteren Teil des Bikes ist Steifigkeit bei der Entwicklung der Rahmengeometrie oberstes Gebot gewesen. Die asymmetrischen Kettenstreben geben mit ihren großzügigen bauchigen Querschnitten jedem Verwindungsversuch ordentlich Kontra. Das macht sich vor allem bei brutalen Sprints im Wiegetritt bemerkbar, wo dem Rahmen im Zusammenspiel mit dem großzügigen Tretlagerprofil kaum ein Zucken zu entlocken ist. So ein direktes Gefühl von Leistung auf Straße hat bisher kaum ein Rahmen in unseren Tests vermittelt. Besonders wohl fühlt sich das Simplon Pride damit auf den guten, glatten Straßen. Hier spielt es die Vorteile seines Rahmenkonzepts grandios aus und verwandelt jedes Watt in Vortrieb.

Auf schlechten Straßen und Kopfsteinpflaster vermögen Details wie das Raptor Dropout – eine Hausentwicklung von Simplon, die die Österreicher in die meisten ihrer Rennräder verbaut und durch ein nach hinten gezogenes Ausfallende mehr vertikalen Flex durch eine flacher stehende Gabel erlaubt – oder die 28-mm-Reifen ein wenig Komfort durch. Längere Passagen über Kopfsteinpflaster werden, wie bei jedem reinrassigen Racebike, jedoch anstrengend, vor allem für den unteren Rücken, der hier eine recht detailgetreue Rückmeldung vom Untergrund erhält. Das Pride kann die Traktion auf solch holprigem Untergrund dennoch in den meisten Fahrzuständen gut halten. Es bügelt Kanten und Ecken zwar nicht so souverän glatt, wie das Simplon Kiaro (hier geht es zum Testbericht), ein auf Komfort ausgelegter Langstreckenrenner, aber neigt auch nicht zum unkontrollierten Hüpfen.

Keine Kompromisse in Sachen Steifigkeit macht das Simplon-Pride-Pro-Cockpit.
Keine Kompromisse in Sachen Steifigkeit macht das Simplon-Pride-Pro-Cockpit.

Simplon Pride Pro: Die Vorbau-Lenker-Kombination

An unserem Testrad war eine als „Pride Pro“ bezeichnete Vorbau-Lenker-Einheit aus Simplons hauseigener Entwicklung verbaut. Sie macht durch das ungewohnte Vorbauprofil einen Großteil des optischen Gesamteindrucks beim Simplon Pride aus: Statt in ein Vorbaurohr überzugehen, teilt sich der Lenker in zwei filigrane Ausleger, die eine mittige Aussparung lassen.

Sämtliche Züge werden dabei innerhalb der Vorbau-Lenker-Kombination und des Rahmens verlegt. Außen herrscht am Simplon Pride eine aufgeräumte, kabelfreie Optik vor. Lediglich an den Austrittsstellen nahe der Bremssättel und des Schaltwerks lassen sich kurze, kaum sichtbare Leitungen ausmachen. Das Kabel zum Schaltwerk entfällt dann auch, wenn die Wahl auf eine kabelfreie elektronische Funkschaltung fällt, wie sie im Testrad aus dem SRAM-Regal verbaut wurde.

Zu beachten ist, dass der Lenkwinkeleinschlag durch die passgenaue Konstruktion zwischen Rahmen und der Kombination aus Vorbau und Lenker auf jeweils etwa 45 Grad nach rechts und links beschränkt ist. Weiter einlenken geht nicht. Das stört im normalen Fahrbetrieb allerdings in keiner Weise. Nur der ein oder andere Trackstand dürfte mangels weiterer Auslenkung scheitern, ist man von weniger integrierten Rennbikes doch einen Winkel von mindestens 90 Grad beiderseits gewohnt.

Die maximale Auslenkung ist im vollintegrierten Cockpit auf etwa 45 Grad auf beiden Seiten beschränkt.
Die maximale Auslenkung ist im vollintegrierten Cockpit auf etwa 45 Grad auf beiden Seiten beschränkt.

Die Steifigkeit der Kombination ist phänomenal. Ungerührt widersteht sie heftigen vertikalen Zugbelastungen beim Wiegetritt und trägt einen entscheidenden Teil zum harten Gesamteindruck des Simplon Pride bei.

Auf der Unterseite der Lenker-Vorbaukombi befinden sich Schraublöcher, an die eine Aero-Halterung für Fahrradcomputer angebracht werden kann.
Auf der Unterseite der Lenker-Vorbaukombi befinden sich Schraublöcher, an die eine Aero-Halterung für Fahrradcomputer angebracht werden kann.

Die Pride-Lenker-Vorbaugarnitur kommt in der hier getesteten Version „Pro“, oder aber in einer als „Pride Marathon“ bezeichneten Variante. Bei dieser ist der Lenker etwas angehoben und sorgt für eine etwas aufrechtere Position. Ansonsten weist auch die Marathonversion die selben kantigen Rohre und den zweigeteilten Vorbau der des Pride-Pro-Cockpits auf.

Im Simplon-Konfigurator können Vorbaulängen von 100 bis 120 mm (Pride Pro), bzw. 90 bis 110 mm (Pride Marathon) sowie Lenkerbreiten zwischen 400 und 440 mm gewählt werden. Auch herkömmliche Vorbauten und Lenker und dazu passende Spacer stehen zur Auswahl.

Das Simplon Pride ist seit der Neuauflage von 2017 ausschließlich mit Scheibenbremsen erhältlich. Damals noch aufsehenerregendes Novum, hat sich die Scheibenbremse heute mittlerweile aufgrund der unzweifelhaft besseren Bremseigenschaften auch am Rennrad zu einem Standard entwickelt und ist drauf und dran, die Felgenbremse zu verdrängen. Simplon hat hier den richtigen Riecher gehabt und die bremstechnische Evolution im Rennradsektor korrekt vorhergesehen.

Testfahrrad

Das in diesem Artikel getestete Bike kostet etwa 6200 Euro und wiegt ca. 6,5 Kilogramm. Der Antrieb, die elektronische Schaltung und die Scheibenbremsen kommen aus dem Force-Regal von SRAM. Als Laufräder sind PR1600 Spline verbaut, die eine Felgenhöhe von 32 mm aufweisen. Auf ihnen kommen ein Satz Schwalbe Pro One in 28 mm Breite zum Einsatz. Außerdem ist am Testrad die Lenker-Vorbaukombination „Pride Pro“ von Simplon montiert.

Fazit

Das Simplon Pride mag mit seiner wuchtigen Optik anzuecken und zu polarisieren. Abseits des designtechnischen Mainstreams fällt es selbst Passanten ins Auge, die nicht rennradaffin sind. Höhepunkt der ungewohnten Formen am Pride ist seit seiner Einführung das Cockpit mit dem zweigeteilten Vorbau. Doch ob das Äußere des neuesten Aero-Renners von Simplon nun gefällt oder nicht: Es sind seine inneren Werte, überzeugen. Und hier wartet das Pride mit Details auf, über deren Nutzen und ingenieurstechnischer Fortschritt im Rennradbereich kein Zweifel bestehen dürfte.

Da sind Kleinigkeiten, wie die unverlierbaren Steckachsen, die, per Anschlag gesichert, beim Reifenwechsel einfach in der Gabel verbleiben und nicht mehr im Schmutz des Straßenrandes abgelegt werden müssen. Da ist die konsequente Anwendung des wattsparenden Kammtail-Prinzips über den gesamten Rahmen und die einzigartige Lenkerkombi. Und da ist die glasklare Steifigkeit des Rahmens, der ein selten erlebtes Gefühl der Direktheit in allen Fahrzuständen vermittelt. Die Kehrseite der sonst so schillernden Medaille stellt die hohe Preishürde dar, ist das Pride-Sortiment doch erst jenseits der 5000-Euro-Marke zugänglich. Dennoch: in der Gesamtheit ergibt sich aus den vielen Maßnahmen der vorarlberger Bikeschmiede mit dem Pride eines der sowohl optisch, als auch qualitativ hervorragendsten Straßenrennsportbikes, die bisher gebaut wurden.

Am getesteten Fahrrad verrichtete die kabellos schaltende SRAM-Force-eTap-Gruppe ihren Dienst.
Am getesteten Fahrrad verrichtete die kabellos schaltende SRAM-Force-eTap-Gruppe ihren Dienst.

 

Mehr Informationen zum neuen Pride findest du auf der Webseite von Simplon.

Verfügbare Gruppen

Shimano Dura-Ace (ab 6.599 Euro)
Shimano Dura-Ace Di2 (ab 7.999 Euro)
Shimano Ultegra (ab 5.199 Euro)
Shimano Ultegra Di2 (ab 6.099 Euro)
Campagnolo Record (ab 6.699 Euro)
SRAM Force Etap AXS (ab 5.999 Euro)
SRAM Red Etap AXS (ab 8.199 Euro)
SRAM Red Etap (ab 7.199 Euro)

Verfügbare Rahmengrößen

46, 49, 52, 55, 58, 61

Verfügbare Rahmenfarben

Schwarz/schwarz, rot/schwarz, grün/schwarz

Bildergalerie Simplon Pride 2019

Vorstellungsvideo zum Simplon Pride aus 2017

Simplon Pride – Vom Konzept zum Prototyen

Simplon Pride – Form und Farbe

Simplon Pride – Der Prototyp im Test

Bilder: Arian Schlichenmayer

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