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Rennräder

Merida Scultura Disc – Einschätzung nach erster Testfahrt

Wir testen Meridas neues Disc-Leichtgewicht, das Scultura, auf dem heiligen Pflaster von Paris-Roubaix

Meridas Ausflug in die Welt der Disc-Rennräder mit der Vorstellung des Scultura Disc sorgte für einige wichtige Impulse. Vor allem durch das positive Feedback aus den Reihen des Lampre-Merida Teams, dessen Fahrer das Merida Scultura Disc im Rahmen der Flandern-Rundfahrt und beim Klassiker Paris-Roubaix einsetzten, war dies ein wichtiger Schritt in Richtung der Akzeptanz von Scheibenbremsen im professionellen Rennradsport. Aber wie würde unsere persönliche Meinung ausfallen, wenn wir das Merida Scultura Disc im Vorfeld des Rennens auf das legendäre Pflaster schickten?

Das Scultura befindet sich bereits seit 2006 in Meridas Produktpalette und die Felgenbremsen-Variante wurde zuletzt im vorigen Jahr aktualisiert, wobei das Gewicht des Rahmens auf federleichte 740 Gramm reduziert wurde. Das Flaggschiff der Modellreihe trägt den selbsternannten Titel des „leichtesten Serienfahrrads der Welt“.

Mit der Disc-Version erweitert Merida nun seine Scultura-Modellreihe, die über sowohl am vorderen als auch am hinteren Laufrad über Steckachsen verfügt und auf 160-mm-Bremsscheiben setzt, um den aktuellen UCI-Empfehlungen in Bezug auf Scheibenbremsen im Pro-Peloton zu entsprechen. Außerdem kommt an der hinteren Bremse ein eigens entwickeltes Kühlsystem zum Einsatz. Um den Zeitbedarf beim Wechseln des Laufrads zu minimieren, findet die von Focus entwickelte Rapid-Axle-Technologie Verwendung.

Das Lampre-Merida Team führ das Merida Scultura Disc bei der Flandernrundfahrt und bei Paris-Roubaix.

Aber wie fährt sich das Merida Scultura Disc? Wir nahmen das Scultura Disc mit auf das Pflaster von Paris-Roubaix, welches die besten Voraussetzungen für eine erste harte Belastungsprobe bietet. Und mit dem Team Lampre-Merida, das uns auf ihren eigenen ebenfalls mit Scheibenbremsen ausgestatteten Sculturas durch die ersten Abschnitte führte war dies die seltene Gelegenheit, von den Profis zu lernen.

Auf Tuchfühlung mit den Profis

Wie sich herausstellte, war es, anders als wir uns das zuvor optimistischer Weise vorgestellt hatten, gar nicht so einfach mit den Profis mitzuhalten. Unsere Testroute führte uns über insgesamt 12 Abschnitte und 70 Kilometer feinstem Kopfsteinpflaster. In Summe hatten wir an diesem Tag zurück zum Hotel in etwa 122 Kilometer auf dem Buckel. Gleich zu Beginn stand mit der Trouée d’Arenberg eine nicht zu unterschätzende Herausforderung bereit. Auch wenn wir nicht die komplette Strecke von Paris-Roubaix abfuhren, war ich gespannt, wie das Merida Scultura Disc – ein Bike, das gerne vorschnell in die Schublade des superleichten Kletterers gesteckt wird – mit den rauen Bedingungen zurechtkommen würde.

Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix

Die Schneise von Arenberg, welche zusammen mit den beiden anderen Kopfsteinpflasterpassagen Mons-en-Pévèle und Carrefour de l’Arbre der höchsten Schwierigkeitsstufe beim Rennsportklassiker Paris-Roubaix zugeordnet wird, stellte auf unserer Testfahrt die höchste Belastungsprobe dar und nimmt aufgrund dessen bei der Bewertung des Bikes auch einen entsprechenden Stellenwert ein. Aber ehrlich gesagt, erfordert dies auch ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl, da die Tranchée d’Arenberg mit seinem absolut fordernden Untergrund jedes Rennrad vor eine harte Herausforderung stellt.

Wie ich also den Profis dabei zusah, wie diese sich weiter von mir entfernten, entschied ich mich, auf der Seitenspur zu fahren, um herauszufinden, wie sich das Merida Scultura Disc auf Kies verhält, und um mit etwas mehr Speed Anschluss halten zu können. Ich redete mir ein, dass dies keine Schande sei, da ich die Profis selbst im Fernsehen dabei beobachtet habe, wie sie sich den einfachsten Weg suchten. Zum Glück war das Scultura Disc trittsicher und berechenbar, also genau das, was man braucht, wenn die Straßenoberfläche einmal nicht aus schönem glatten Asphalt besteht.

Auch die 28 mm breiten Continental-Grand-Prix-4000-II-Reifen waren hierbei bestimmt nicht von Nachteil, und sorgten bei einem moderaten Luftdruck von gerade mal 4 Bar dafür, dass der eine oder andere Stoß etwas abgemildert wurde. Während Merida sagt, dass der Verzicht auf die, bei der Disc-Version des Scultura nicht benötigten Bremsbrücke für ein wenig mehr Flex am Hinterbau sorgen soll, bringt der im Vergleich zum herkömmlichen Scultura größere Freiraum zusätzlich die Möglichkeit mit sich, breitere Reifen zu fahren. Die Fahrt über holprigen Untergrund war eine überraschend komfortable Erfahrung, wobei selbst Schlaglöcher mit Gelassenheit weggebügelt wurden.

Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix

Mit Tempo zurück auf das Kopfsteinpflaster

Nach einiger Zeit auf dem Seitenstreifen kehrte ich, als ich genug Mut angesammelt hatte, zurück auf die eigentliche Schneise, um den Kampf mit jedem einzelnen Pflasterstein aufzunehmen und dabei nicht den nötigen Schwung zu verlieren. Angesichts der Team-Fahrer, die scheinbar über den Untergrund gleiteten, gewöhnte ich mich nach meinem ersten miserablen Versuch, die Schneise zu zähmen nach und nach an die Gegebenheiten. Ich begann die böshaften, aus dem Untergrund herausragenden Pflastersteine, und die Fähigkeit des Sculturas zusammen mit dem FSA-K-Force-Lenker und der Sattelstütze, diese zwar nicht auszubügeln, aber die heftigen Kräfte doch abzumildern zu schätzen. Zwei ruppige Kilometer später, aber mit einem Gefühl der Wertschätzung der Fahreigenschaften des Scultura Disc gegenüber, war das Ende der Tranchée d’Arenberg erreicht und wir fuhren wieder auf schönem glatten Asphalt.

Wieder einmal kam der 28er-Gummi ins Blickfeld und was am meisten überraschte ist, wie effizient das Bike damit auch auf glattem Untergrund unterwegs ist und welch einen geringen Rollwiderstand der Continental-Grand-Prix-4000S-II-Reifen bietet. Dies wird durch den zweifellos steifen Rahmen verstärkt, der vor allem aufgrund des BB86-Tretlagers und des modifizierten Hinterbaus für eine starke Kraftübertragung sorgt. Geschwindigkeits-Junkies werden wegen der großartigen Beschleunigung, gepaart mit einem geringen Rollwiderstand mit dem Merida Scultura ihre Freude haben.

In Punkto Gewicht kann das Merida Scultura Disc, obwohl es mit Scheibenbremsen ausgestattet ist, mit vergleichbaren herkömmlichen Modellen mit Felgenbremse absolut mithalten und bietet sich sowohl für den Einsatz in den Alpen als auch zu Hause im Flachland oder eben auf dem Pflaster von Roubaix an. Ein wahrer Allrounder eben.

Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix

Die Hydraulikbremsen von Shimano sind herausragend. Das Fehlen von Anstiegen vermissten wir auf unserer Teststrecke zwar ein wenig, stattdessen bietet Paris-Roubaix, die nach der Fahrt über geteerte Straßen und anschließend über Feldwege durch Nordfrankreich führt, als konstantes Merkmal 90-Grad-Kurven bei denen es eine Freude ist, beim Ziehen des Bremshebels auf eine effektive und beständige Bremsleistung zurückgreifen zu können. Sich an ein mit Scheibenbremsen ausgestattetes Rennrad, und die vergleichsweise scharfe Bremswirkung zu gewöhnen, benötigt weniger Zeit, als man vielleicht vermutet, schon nach kurzer Zeit möchte man den fühlbaren Gewinn an Bremskraft auch aufgrund des Sicherheitsaspekts nicht mehr missen.

Ein weiterer bemerkenswerter Vorteil, der sich beim Bremsen bemerkbar macht, liegt in der speziellen Optimierung des Rahmens und der Gabel auf die Verwendung von Schreibenbremsen. So sorgen Verstärkungen an Gabel und am Hinterbau für eine ausgezeichnete Stabilität und Steifigkeit und eine gleichmäßige Verteilung die Bremskräfte.

Fahrt über heiligen Boden

Die Testfahrt war aber noch nicht zu Ende. Pflaster und Asphalt wechselten sich weiterhin ab. Sowohl physisch als auch psychisch wurde man bis ans Limit getrieben. In Ehrfurcht dachte ich an die Profis, die sich durch das mehr als 250 Kilometer lange Rennen kämpfen. In der 2016er Ausgabe war der Australier Mathew Hayman von Orica-GreenEDGE der erste, der nach knapp sechs Stunden die Ziellinie überquerte.

Abschnitt für Abschnitt, allesamt leichter als die Tranchée d’Arenberg wurde vom Merida Scultura Disc ohne großes Murren hinter sich gebracht. Den Fahrer ermunterte es jedes Mal von neuem, der folgenden Herausforderung mit neuem Elan zu begegnen.

Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix

Diese Beharrlichkeit liegt im reaktionsfreudigen Fahrverhalten des Scultura Disc begründet. Man spürt, wie das Bike einen guten Job macht, und stets versucht, Unebenheiten auf egal welchem Untergrund auszubügeln. Dabei vermittelt es gleichzeitig ein Gefühl von Steifigkeit, und setzt Kraft entsprechend in Vortrieb um. Das Scultura Disc bot zwar nicht ganz die gestochen scharfe Reaktion, die ich von einem Pro-Bike erwartet hätte, aber für einen Allrounder, der einen guten Kompromiss zwischen Komfort- und Rennanspruch bietet, ist diese nicht so schlecht.

Über Paris-Roubaix lag, als wir uns auf unserer Testrunde bewegten, bereits ein Hauch von Spannung und Nervosität. Entlang der Passagen wimmelte es bereits vor Wohnwägen, mit denen die Radsportfans zum Rennen angereist waren. Als wir am Ende eines Abschnitts an einem Caravan vorbeifuhren, sahen wir einen französischen Fan, der in einem Hähnchenkostüm steckte. Hier erhielten wir einen Vorgeschmack auf das Spektakel das am folgenden Renntag auf dem Programm stand. Roubaix ist ein besonderer Ort, der mit dem passenden Rad zu einem noch besseren gemacht wird. Was noch alles im Merida Scultura Disc steckt, werden wir nach einem ausführlichen Test berichten, wenn wir das gute Stück zur intensiveren Begutachtung in die Finger bekommen.

Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix
Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix
Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix
Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix
Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix
Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix
Merida Scultura Disc – Paris-Roubaix
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