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Hobby-Radsport

Emotionen und Erfahrungen an großen Tagen

Von der Vorbereitung über das Teufelchen auf der Schulter bis hin zur Regeneration

Es macht keinen Unterschied, ob eine gigantische Trainingseinheit, ein Jedermannrennen oder ein anderer großer Event vor der Tür steht, auf den du dich seit Monaten vorbereitet hast. Ist der Tag gekommen, machen alle Fahrer ähnliche Erfahrungen und durchleben vergleichbare Emotionen.

Hier und da mag sich in den Köpfen der Fahrer Unterschiedliches abspielen, ein langer Tag im Sattel ruft aber Faktoren auf den Plan, von denen kein Radfahrer verschont bleibt.

“Ich will nicht aufstehen! Warum tue ich mir das überhaupt an?” (Foto: Media24)

Emotionen vor dem Event

Das (böse) Erwachen

„Och nöööö, ich will nicht aufstehen!!!“

Ist das schrille und viel zu frühe Klingeln des Weckers erst einmal verstummt, stellen sich die gegensätzlichsten Gedanken ein. In einem Moment bist du aufgeregt weil der große Tag endlich gekommen ist. Du freust dich darauf, endlich in den Sattel zu steigen. Du möchtest einfach nur Gas geben und fieberst einem spannenden Tag entgegen. Du bist bereit für die Herausforderung.

Im nächsten Moment ist die Vorfreude dahin. Dann melden sich deine Nerven und Zweifel gewinnen die Oberhand. „Eigentlich sollte man sich doch am Wochenende erholen. Warum tue ich mir das überhaupt an? Warum stelle ich mir an einem Samstag den Wecker? Habe ich eigentlich Lust, mich heute solchen Strapazen auszusetzen? Ich könnte doch genau so gut liegen bleiben und später gemütlich frühstücken. Was, wenn meine Beine heute nicht dazu in der Lage sind, Großes zu leisten?“

Einen Augenblick später kehrt die Aufregung zurück, dann die Nerven. Abwechselnd geben sich Vorfreude und Zweifel die Klinke in die Hand.

Die wichtigste Mahlzeit an einem großen Tag - das Frühstück. (Foto: Achi Raz/Creative Commons)

Eskalation am Frühstückstisch

Hast du dich dann endlich aus dem Bett geschält, kommt das Beste, was der Morgen zu bieten hat – das Frühstück. Die morgentliche Nahrungsaufnahme könnte so schön sein. Semmeln, Toast, Käse, Wurst, Nutella, Erdnussbutter, Bacon… es gibt so viele leckere Sachen, die einem das Wochenende versüssen würden. Aber nein, du musst heute Leistung bringen. Deine Energiespeicher müssen optimal gefüllt werden. Also nimmst du dir eine Schüssel und füllst sie mit Haferflocken, verschiedenen Nüssen, Früchten und verfeinerst das Ganze mit ein wenig Honig. Runtergespült wird die Energiequelle mit einer Tasse Kaffee.

Ist die Schale erst einmal vertilgt, machen sich Wochenendgelüste breit. „Jetzt noch eine Scheibe Toast mit Erdnussbutter! Ich brauche die Energie doch ohnehin!“ Der Gedanke ist noch nicht fertiggedacht da klackt auch schon der Toaster. Genauso schnell wie zubereitet, ist das Toast auch im Magen verschwunden und die nächste Tasse Kaffee steht auf dem Tisch. „Mal sehen, was der Kühlschrank sonst noch zu bieten hat.“ Anschließend gibt es eine weitere Tasse Kaffee. „Alles kein Problem. Schließlich werde ich heute jede einzelne Kalorie wieder verbrennen. Das werde ich doch, oder?!“

Welche Garderobe ist die richtige für den heutigen Tag?

Die passende Kleidung passt nicht mehr. Oder doch?

Obwohl du am Vorabend drei verschiedenen Wetterberichte verglichen hast, bleibt eine erneute Prüfung am Eventtag nicht aus. Die Kleiderauswahl, die du am Abend sorgfältig zusammengestellt hast, wird als unbrauchbar eingestuft. Eine neue Auswahl muss her. Weste und Armwärmer, die am Vorabend noch optimal erschienen, verschwinden wieder im Kleiderschrank und werden durch ein langärmliges Jersey ersetzt.

Guter Dinge wagst du einen Schritt vor die Tür, um dich mit den Temperaturen vertraut zu machen. Das Ergebnis: die Weste und die Armwärmer werden erneut aus dem Schrank geholt und das Jersey für unbrauchbar erklärt.

Emotionen während des Events

Aufregung lässt dich alle guten Vorsätze vergessen

Du findest dich am Ort des Geschehens wieder. In dir ein Cocktail aus Adrenalin, Koffein und einem völlig übertriebenen Frühstück. Gleich ist es soweit. Alle eigentlichen Pläne, es auf den ersten Kilometern langsamer anzugehen, um Beine und Muskeln erst einmal auf Temperatur zu bringen und am Ende genügend Energie für einen denkwürdigen Schlussspring übrig zu haben, sind vergessen. Stattdessen pflügst du los, vergisst dabei aber das dein Name nicht Tommy Voeckler ist. Du legst ein Tempo vor, dass du selbst mit Doping schon rein theoretisch nicht beibehalten kannst.

"Werden meine Beine bis zum Ende durchhalten?" (Foto: Antton Miettinen)

Selbstzweifel

Nachdem du von Anfang an wie ein Irrer in die Pedale getreten hast, fangen deine Beine schon viel früher als geplant an, zu brennen und die Zweifel, die du morgends in der Waagerechten schon hattest, kehren zurück. Du erinnerst dich an verpasste Trainingssessions und dir wird bewusst, dass der gelegentlich zweite Pudding und das zusätzliche Bier hier und da wohl doch nicht so gut in deinen akribisch geplanten Trainingsplan passten.

„Was, wenn meine Beine heute tatsächlich nicht dazu in der Lage sind, Großes zu leisten? Ich bin die Sache ganz falsch angegangen. Habe ich meine Chance damit vertan?“ Dein Kopf ist plötzlich voll von anhaltenden Selbstzweifeln und negative Gedanken.

Du ziehst davon, zumindest wolltest du das

Auf einmal taucht ein einzelner Mitstreiter am Horizont auf. Irgendetwas in deinem Kopf sagt dir , du könntest jetzt unbarmherzig wie Vasil Kiryienka zur Verfolgung ansetzen. Also beschließt du, dein hilfloses Opfer zu deklassieren, indem du dich zunächst an seine Fersen heftest, um ihn dann scheinbar problemlos und ohne jede Chance zum Gegenangriff hinter dir zu lassen.

Auch wenn es den Anschein macht, es ist nicht Chris Froome, den du da vergeblich versuchst, einzuholen.

Fünf Minuten sind vergangen. Dein Opfer ist noch immer vor dir. Auch nach zehn Minuten der Verfolgung ist der Abstand zwischen euch noch nicht wirklich geschrumpft. Du klammerst dich an den Gedanken, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht. So brauchst du dich nicht damit abzufinden, dass der Versuch gescheitert ist.

Teufelchen auf der einen Schulter und… wo ist der Engel?

Es ist noch nicht so lange her, dass du das letzte Mal von Selbstzweifeln heimgesucht wurdest und schon sind sie wieder da. Du befindest dich auf dem letzten Streckenabschnitt. Du hast die Wahl zwischen dem kürzeren oder dem leichteren Weg. Wer sich diese Route ausgedacht hat, muss dies in einem Anflug von Wahnsinn getan haben.

"Was habe ich mir gedacht, als ich diese barbarische Route ausgewählt habe?" (Foto: Alex Broadway/SWPix.com)

Deine inneren Dämonen laufen zur Hochform auf. Es fühlt sich an, als würden sie deine Beine mit Messern bearbeiten. Du kannst vor Hunger kaum noch denken und eine gigantische Hürde liegt noch vor dir – der Aufstieg ins Ziel. Er mag nur fünf Minuten dauern und die Steigung mag lediglich fünf Prozent betragen, aber an diesem Punkt wird auch ein vermeindlich kleiner Aufstieg zur schmerzenden Erfahrung. Du denkst an Jens Voigt und schreist innerlich: „Shut up, legs!“

Es ist dir egal, dass du nur eine große Trainingseinheit absolviert hast. Du fühlst dich wie ein Held. (Foto: Sirotti)

Der Held des Tages

Das Ende ist in Sicht. Bald hast du es geschafft. All die Qualen der letzten Stunden, die Erschöpfung, die brennenden Beine und der Hunger rücken in den Hintergrund. Alles was jetzt noch zählt, ist das letzte Stück bis ins Ziel möglichst schnell hinter dich zu bringen. In deinem Kopf ensteht ein heroisches Selbstportrait eines sportlichen Könners. Dann ist es geschafft. Gute Laune, Stolz und Endorphine bestimmen deinen Gemütszustand. Du steigst von deinem Bike und fühlst dich ubesiegbar.

Emotionen nach dem Event

Strava! Was sonst?

Du bist noch nicht fertig damit, dir selber auf die Schulter zu klopfen als sich erneut Aufregung breitmacht. Der Grund dafür: dein Geleistetes ist noch nicht auf Strava. Also schnell nach Hause, das Bike in die nächstbeste Ecke stellen und den Upload starten. Aus den durchgeschwitzen Klamotten schälen und duschen kannst du dich danach schließlich auch noch.

Noch bevor die Tür hinter dir ins Schloss gefallen ist, wird der Strava-Upload gestartet.

Während des Upload-Vorgangs weicht dein Blick nicht vom Monitor ab. Jeder Moment wird ausgekostet. Schließlich müsstest du heute zahlreiche persönlichen Bestleistungen und KOMs eingefahren haben. „Äh… Moment… Keine Bestleistung auf diesem Streckenabschnitt? Wie kann das sein? Natürlich! Hier bin ich es langsamer angegangen und habe getrunken. Und auf dieser Steigung habe ich auf meinen Kumpel gewartet.“ So geht das weiter und weiter. Die Entschuldigungen und Rechtfertigungen reißen nicht ab.

Sobald deine Fahrt auf Strava ist, kann das Blutbad in der Küche beginnen.

Das wohlverdiente Festmahl

Die letzte Stunde deines Ausritts drehten sich deine Gedanken fast ausschließlich um die Nahrungsaufnahme im Anschluss. Das Wasser lief dir nicht nur im Mund zusammen, vielmehr glich dein Speichelfluss einem Wasserfall. Lediglich Strava ließ dich deinen Heißhunger für einige Zeit vergessen. Aber jetzt ist es soweit. Du stürmst zum Kühlschrank und reißt die Tür auf – ein bisschen energischer und du hättest sie abgerissen. Du greifst nach so ziemlich allem, was sich im Inneren befindet. Ob die Zubereitung deines Festmahls nun fünf oder 20 Minuten dauert, nach wenigen Augenblicken ist alles verschlungen. Zeit für den nächsten Gang.

Regeneration (Game Over)

Den Rest des Tages verbringst du in der gleichen Position, in der er begonnen hat – in der Waagerechten. Die Bewegung wird auf ein absolutes Minimum beschränkt. Alles, was du dir für den restlichen Tag vorgenommen hattest, wird verdrängt oder ganz verworfen. Das Sofa ist jetzt dein bester Freund. Das einzige, dass dir heute, neben den Gedanken an deinen heroischen Ausritt, noch die Zeit vertreibt, ist der Fernseher.

Lässt der Schmerz in den Beinen aber erst einmal nach, kann die Planung des nächsten Abenteuers beginnen. Schließlich bist du ein Held.

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