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Rennräder

Bianchi Oltre XR4 – Einschätzung nach erster Testfahrt

Wir wagen mit Bianchis neuestem Aero-Renner, dem Oltre XR4, eine Fahrt in Norditalien

Es gibt nicht vieles, das den Blutdruck eines Radsportbegeisterten in dem Maße erhöht und den Pulsschlag steigert, wie ein in traditionell himmelblau lackiertes Bianchi. Mit dem neuen Oltre XR4 hat der italienische Traditionshersteller ein weiteres dieser unvergleichlichen Meisterstücke im Sortiment. Dass wir uns nicht nur vom Äußeren hatten täuschen lassen, sollte Bianchis neuer blitzschneller und muskulöser Aero-Renner schon während unserer Jungfernfahrt über das hüglige Terrain Norditaliens unter Beweis stellen.

Das Oltre XR4 Aero-Bike ist der aktuelle Neuzugang im BianchiFuhrpark. (Pic: Michele Mondini)

Das Bianchi Oltre XR4 lässt sich am besten als Evolution, denn als vollständige Überarbeitung des bestehenden Oltre XR2 beschreiben. Sowohl äußerlich als auch in technischer Hinsicht und das ist das Entscheidende, bietet das XR4 einige Neuerungen. Das Oltre XR4 ist die vierte Maschine, die in den Genuss von Bianchis Countervail kommt, jener vibrationsdämpfenden Technologie, die den Fahrkomfort des reinrassigen Renners verbessern soll. Und dass man das Oltre XR4 ohne Zweifel als Rennmaschine bezeichnen kann, beweist dieses mit einem gestochen scharfen Handling, und der daraus resultierenden Bereitschaft, sich mit dem Pro-Peloton zu messen. Steife, übergroße Rohrprofile, die auch größtmögliche Kräfte unerschütterlich trotzen. Und schließlich ist das Bike sehr, sehr schnell.

Das Chassis und die Aero-Features machen aus dem Bianchi Oltre XR4 ein sehr schnelles Rad. (pic: Michele Mondini)

Im Vergleich zum XR2 wirft das Bianchi Oltre XR4 einen dicken Schatten. Seine Rohre (vor allem die Gabel, das Unterrohr, das Sitzrohr und die Sitzstreben) wurden gestreckt, um die Aerodynamik des Bikes zu verbessern. Gleichzeitig verleiht dies dem Rahmen eine aggressivere Optik. Das Design der Gabel, zusammen mit dem des Steuerrohrs wurde von Bianchis Zeitfahrrad, dem Aquila CV, inspiriert. Und auch die Sattleklemme bekam ein keilförmiges Aero-Design verpasst. Die neue Metron 5D Vorbau-Lenkereinheit entstand aus der Zusammenarbeit mit dem US Komponenten-Hersteller Vision und wurde eigens für das Oltre XR4 entwickelt.

Das Oltre XR4 ist zweifellos ein Aero-Bike aber Bianchi sieht das Modell eher als Allrounder, der über eine sorgsam gewählte Mischung aus geringem Gewicht, Steifigkeit, Aerodynamik, einem Race-Bike-würdigen Handling und dem benötigten Komfort verfügt. Bianchis Produktmanager Angelo Lecchi sagt, dass die Zielsetzung nicht darin lag, notwendigerweise das steifste oder das schnellste Rad zu schaffen, sondern eines, das das komplette Paket vereint. Aus diesem Grund, werden die Fahrer des von Bianchi ausgestatteten LottoNL-Jumbo-Team auch während der meisten Rennen meist mit dem Oltre XR4 fahren, anstatt etwa mit einem für einen bestimmten Einsatzbereich ausgelegten Spezialisten wie der superleichten Bergziege Specialissima oder dem Infinito CV Endurance-Bike an den Start zu gehen.

Wie fährt sich das Bianchi Oltre XR4 also? Was sofort auffällt, ist der sehr steife Rahmen des Oltre XR4. Ein Tritt in die Pedale resultiert sofort in einem ordentlichen Vortrieb um etwa eine Lücke bei Fahrt im flachen Terrain zu schließen. Oder bei einem Aufstieg im Wiegetritt zu sprinten oder zu beschleunigen. Das Oltre XR4 fühlt sich unglaublich straff unterm Sattel an.

Angelo Lecchi, Produkt-Manager bei Bianchi (links) sagt, dass das Oltre XR4 nicht die Rolle des leichtesten, steifsten oder aerodynamischsten Fahrrads in Anspruch nehmen will, betont jedoch Bianchis Ziel, ein möglichst „komplettes“ Bike zu entwerfen. (pic: Michele Mondini)

Das Bianchi Oltre XR4 ist ein extrem schnelles Ra und seine Aerodynamik spielt hierbei eine bedeutende Rolle. Bianchi behauptet, dass das Oltre XR4 nicht nur steifer ist als das XR2, sondern zusätzlich 20 Watt an Leistung einspart. Bianchi liefert hierzu jedoch keine Einzelheiten, und auch wir können die Behauptung nicht zweifelsfrei untermauern. Dennoch scheute Bianchi keine Mühe, und stellte Journalisten, passend mit Aero-Laufrädern ausgestattete Oltre XR4 zur Testfahrt zur Verfügung. Dazu gab es für die Testfahrer noch ein windschlüpfriges Aerokit, bestehend aus einem speziellen Helm und Schuh-Überzeihern. Was gesagt werden kann ist, dass die Kombination aus der steifen Chassis und dem Aero-Design für eine extrem schnelle Maschine sorgt, die nicht nur schnell auf Touren gebracht werden kann, sondern mit der man die Geschwindigkeit auch leicht beibehalten kann.

Der Rahmen bringt im Vergleich zum Oltre XR2 40 Gramm mehr auf die Waage, was ein Gesamtgewicht von 980 Gramm bedeutet. Aber auch das ist ein ziemlich beeindruckender Wert, vor allem angesichts der Rohrprofile, die durchgängig sperriger ausfallen als beim XR2. Unsere Testfahrt beinhaltete einen 3,5 Kilometer langen Anstieg, bei dem sich das Oltre als sehr gewillter Begleiter erwies. Als die Straße anstieg war das XR4 anders als bei einigen anderen Aerobikes der Fall keineswegs schwerfällig. Während das Specialissima, der Kletter-Spezialist in Bianchis Reihen zwar auf ein Rahmengewicht von lediglich 780 Gramm kommt, ist bei Aerobikes alles unter einem Kilogramm Rahmengewicht die Messlatte. Und mit den angesprochenen 980 Gramm ist es immer noch möglich, das Bianchi Oltre XR4, mit dem entsprechenden Budget, in einer federleichten Konfiguration aufzubauen.

Bianchi bietet das Oltre XR4 in acht verschieden Konfigurationen an. Zur Wahl stehen Varianten mit Campagnolo, Shimano und SRAM. Unser Testrad war in der High-End-Ausführung mit der Campagnolo Super Record EPS Schaltung und mit Campagnolo Bora Ultra Laufrädern ausgestattet, wie es einem italienischen Edel-Renner von Bianchi zusteht. Die Ausstattung ergab zusammen mit dem Rahmen ein absolut stimmiges Gesamtbild. Die richtige Soundkulisse liefern die Bora Laufräder ab, von denen beim Erreichen des richtigen Speeds ein harmonisches Surren ausgeht und die beim Abbremsen bei der Fahrt in die nächste Kurve tieffrequent Brummen.

Um was handelt es sich bei Countervail? Ermüdung und Kontrolle sind Bianchis Schlüsselworte bezüglich ihrer eigens entwickelten Technologie. Was hat das Ganze aber mit Aerodynamik zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Der Grundgedanke bei Countervail bleibt nach wie vor der gleiche, wie zu dem Zeitpunkt,als dieses erstmalig beim Endurance-Bike Infinito CV zum Einsatz kam. Die Ermüdung beim Fahren über holprige Straßen zu reduzieren und dem Fahrer zu helfen, länger frisch zu bleiben.

Die hügligen Straßen Norditaliens boten die Möglichkeit, einen ersten Eindruck vom Bianchi Oltre XR4 zu gewinnen. (pic: Michele Mondini)

Nun zum Aspekt der Aerodynamik. Bianchi sagt, dass Countervail dem Fahrer aufgrund der komfortsteigernde Eigenschaften dabei hilft, länger eine aggressivere Position zu halten. Nachdem der Fahrer laut Untersuchungen für 80 Prozent des Luftwiderstands verantwortlich ist, erscheint eine gewisse Logik darin zu liegen, dass hier viel signifikantere Gewinne erzielt werden können als am Rahmen selbst. Unnötig zu sagen, dass die richtige Fahrposition mitentscheidend für eine optimale Aerodynamik ist.

Um eine fundierte Aussage zur Wirksamkeit der Countervail-Technologie und deren Einsatz im Bianchi Oltre XR4 machen zu können müssten wir daher deutlich länger auf dem Sattel bleiben, aber bereits der erste Eindruck in Italien legte ein beeindruckendes Maß an Komfort für ein Race-Bike respektive Aero-Bike bei einem hohen Stefigkeitswert zu Tage. Die Straßen in diesem Teil von Italien sind in der Regel in einem guten Zustand, aber auch einige Schlaglöcher im Asphalt haben wir gut überstanden. Das Oltre XR4 sorgt bezüglich der Dämpfung zwar für keine überragende Erfahrung, aber auf jeden Fall hat man das Gefühl, dass der Rahmen während der Fahrt, vor allem am Hinterbau einiges an Schlägen abfedert, während am Vision Lenker die Stöße direkter übertragen werden.

Die neue Metron 5D Vorbau-Lenkereinheit die aus der Zusammenarbeit mit dem US Komponenten-Hersteller Vision entstand wurde eigens für das Oltre XR4 entwickelt. Durch die abgeflachte Bauweise soll dieser dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Die Vorderkante ist im Vergeich zu Canyons Aerocockpit Lenker stärker ausgeprägt, aber während einer 90-minütigen Fahrt hatten wir keine Probleme, beim Wechsel der Griff-Position. Mehr Zeit im Sattel mag unser Urteil bestätigen oder wiederlegen.

Am deutlichsten sind die Oltre-Renn-Gene des XR4 im Zusammenspiel des Handlings mit der Steifigkeit des Rahmens und der rohen Geschwindigkeit zu spüren. Das Bianchi Oltre XR4 ist unglaublich schnell und reagiert auf die kleinste Lenkbewegung. Es festigt die Position des Oltre als unverfälschtes Rennrad, benötigt aber auf kurvigen Abfahrten auch ein wenig Eingewöhnung. Wenn wir die Möglichkeit haben, das Oltre XR4 als Testbike in die Finger zu bekommen, dann werden wir dieses auch auf längeren Ausfahrten auf Herz und Nieren testen. Was wir aber bis jetzt schon sagen können ist, dass die Italiener mit dem Oltre XR4 ein absolut mitreißendes Fahrrad entwickelt haben.

Website: Bianchi

 


 



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