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Hobby-Radsport

Die Helden der L’Eroica

Unser Kollege Tom Owen nahm an der legendären L’Eroica teil und lernte auf seinem 135 km langen Ritt über die weißen Straßen der Toskana ein oder zwei Dinge über modernes Heldentum.

Die Vorstellung klingt brilliant. Mit Vintage-Rädern unterwegs in der Toskana. Der blaue Himmel über den Strade Bianche, der Wind bläst einem in den Schnauzer. Auch wenn es mir beim besten Willen nicht gelingen mag, mir einen Schnauzer stehen zu lassen, so ist es trotzdem das Bild, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an die L’Eroica denke.

Das populäre Jedermannrennen durch die Hügel und Weingüter der Toskana. Für Briten wie mich ist das jährlich im Oktober stattfindende Rennen eine gute Gelegenheit, den Vorboten des Winters auf der Insel in Form von nicht enden wollendem Regen, und herabfallendem Laub zu entkommen. Welch besserer Zeitpunkt als dieser, um in einen aus der Zeit gefallenen Traum zu entfliehen.

L’Eroica wörtlich heldenhaft im Italienischen, ist der physische Ausdruck des Wiederstrebens gegen den modernen Lebensstil. Es ist eine Flucht in die Phantasie, zurück in eine Zeit, als Männer noch Männer waren (was sich in ihren opulenten Schnurrbärten und breiten Oberschenkeln äußerte) und Frauen im Rock Rad fuhren (hier hat das 21. Jahrhundert vielleicht doch seine Vorzüge). Die Organisatoren bestehen darauf, dass L’Eroica mehr sei, als seine Kostümparty, als ob es als Wirklichkeitsflucht nicht schon Ausdruck genug wäre, mit archaischer Technologie eine stundenwährende Herausforderung durch die Hügel der Toscana erleiden zu müssen. Die Vintage-Räder und passenden Klamotten sind nicht die Schlüssel zum Rennen, es handelt sich hierbei nur um die Rahmenbedingungen, die es den Teilnehmern erlauben oder besser noch, die sie dazu zwingen, den Radsport so zu erleben, wie ihn die großen Champions einer längst vergangenen Epoche gelebt haben.

„Vintage ist die Ausrede für eine bestimmte Wertvorstellung. Es erlaubt uns, das Radfahren wie die Sieger der Vergangenheit zu erleben.“ so Giancarlo Brocci, der Gründer der L’Eroica, als er den Etos zu erklären versucht, welcher Teils philosophisch und teils übertrieben, aber zu 100% echt italienisch ist. „L’Eroica ist keine Kostümparty – wir sind hier um uns selbst zu messen. Im modernen Leben kennen wir keinen wirklichen Durst oder Hunger. Teil der L’Eroica ist es, diese Empfindungen wieder zu fühlen. Die Regeln der L’Eroica besagen, dass Fahrer historische Räder (bici eroiche) fahren müssen, die spätestens 1987 gebaut wurden. Das heißt, Stahlrahmen, Unterrohrschalthebel, Pedale mit Pedalhaken und Laufräder mit 32 Speichen stehen auf dem Programm und Fahrer müssen Kleidung aus der selben Zeit tragen. Jeder Fahrer, der an den Start geht, oder der auf der Strecke angetroffen wird, und dessen Rad nicht den Anforderungen entspricht, wird sofort vom Rennen disqualifiziert. Und dies wird in der Tat auch ernst genommen. Weder Herzfrequenzmesser, Powermeter, GPS Computer oder sonst etwas, das einem von dem Vergnügen, ein Rad auf Sicht zu fahren abbringen könnte. Das einzige Zugeständnis an die Moderne ist ein Helm, wobei es nicht verpflichtend ist, einen zu tragen.

Man muss nicht notwendiger Weise ein Rad mit im Gepäck haben, es gibt in Gaiole die Möglichkeit ein für die L’Eroica zugelassenes Rad zu leihen, man muss aber damit rechnen, aufgrund der hohen Nachfrage um einiges tiefer in die Tasche greifen zu müssen als im Rest des Jahres. Eine weitere Option ist es, sich vor Ort, auf dem zeitgleich stattfindenden Bike-Markt ein Rad zu kaufen und damit an den Start zu gehen. Hier sollte man sich allerdings vorher schon Gedanken über den Heimtransport des neuen Rades machen. Gaiole in Chianti, in der toskanischen Provinz Siena gelegen, befindet sich etwas mehr als eine Stunde von Florenz und rund zwei Stunden von Pisa entfernt, welche jeweils über einen internationalen Flughafen verfügen und ist bereits seit 1997 dem Jahr, in dem das Rennen zum ersten Mal stattfand und 92 mutige Seelen an den Start zog Austragungsort der L’Eroica. Um nochmals auf den gleichzeitig stattfindenden Markt zurück zu kommen, so kann man auch von einem Paradies für Radliebhaber sprechen. Es gibt hunderte von Ständen, alle gefüllt mit ihrer eigenen kleinen Auswahl an Vintage-Rädern, Zubehör und Ersatzteilen und der passenden Bekleidung.

In etwa 5.500 Fahrer nahem bei der diesjährigen L’Eroica offiziell teil, diejenigen, die einfach nur auftauchten und ohne die Startgebühr zu bezahlen mitfuhren und als Tarnung beispielsweise ihre letztjährige Startnummer trugen gar nicht mit eingerechnet. Von den Teilnehmern trugen nahezu alle die geforderte passende Kleidung, auch wenn es möglich ist, mit nicht ganz zeitgemäßem Schuhwerk durchzukommen. Neben den Basics wie einem wollenem Trikot oder Strickpullover und passender Hose, liegt es an jedem einzelnen, wie weit man das Spiel spielen möchte. Ich sah auf dem Rennen mit der mittleren Distanz beispielsweise zwei Fahrer mit aufeinander abgestimmten Ausstattung und passendem Gesichtshaar. Eines ihrer Räder war aus den 1930ern.

Die Routen (es gibt die Wahl zwischen vier verschiedenen) führen kilometerweit über die strade bianchi, oder weißen Straßen der Toskana, die ikonischen weißen Kiesstraßen, die schon bei geringem Reiz Staubwolken abgeben und darauf warten, unachtsame Fahrer vom Sattel zu holen. Die Straßen sind auch Namensgeber des eintägigen Profirennens, das im März veranstaltet wird und aus dem 2015 Zdeněk Štybar als Sieger hervorging. Das erste Rennen fand 2007 statt, also etwa 10 Jahre nach der ersten L’Eroica, aber es entwickelte sich trotz seiner jungen Geschichte bereits zu einer Konstante in der noch jungen Saison und zum Vorspiel der großen Klassiker. In jeder Ausgabe sorgt es für kultverdächtige Bilder, in denen das Peloton durch Wolken von Staub seinen Weg sucht. Sowohl im Profirennen als auch bei der L’Eroica gibt es eine Menge Bergaufpassagen. Ich entschied mich dazu die zweitlängste und 135 km lange Strecke zu fahren, die über 3,650 Höhenmeter verfügt. Die wahren Helden packen die vollen 209 km an, die in durchschnittlich 15 Stunden gefahren wird.

Als der Morgen des Rennens angebrochen ist, stehe ich zeitig auf und fahre runter ins noch im Tiefschlaf liegende dunkle Gaiole. Die letzten Espressi in der nächsten Bar kurz vor dem Aufbruch. Mein Magen knurrt. Ich frage mich, ob es noch zu früh ist, die Stullen aus meiner Jackentasche zu holen. Mein Bock für den Tag ist ein ausgebleichtes oranges Aquila, ausgestattet mit einem Brooks England Sattel. Wir mögen zwar in Italien sein, aber einige Dinge sind nicht verhandelbar. Und wenn man auf Fotos aus dem goldenen Zeitalter schaut, dann bemerkt man, dass die meisten der Profis auf einem Brooks unterwegs waren. Passenderweise scheint das Aquila fast zu fliegen. Es ist kein ungeliebter alter Gaul, es ist ein schnurrender und stolzer Vollblüter. Auch wenn die Bremsen ein wenig quietschen. Ich hoffe, ich kann dem gerecht werden.

Die ersten zehn Kilometer klettern wir auf einer sich durch Hügel und Weinberge, Burgen und Klöster windenden Asphaltstraße. Auf jedem Hügel scheint in der Toskana eine Burg oder ein Kloster zu thronen. Oder ein Weingut, das in einem der beiden untergebracht ist. Mir wird gesagt, dass dies in dem langen Krieg zwischen den Stadtstaaten Siena und Florenz begründet ist. 600 Jahre lang in denen die Florentiner zu jeder Zeit anrücken konnten, flüchteten die Landarbeiter, die den toskanischen Boden bearbeiteten, in die nächstgelegene Burg oder das nächste gut befestigte Kloster um die Dinge auszusitzen. Es war daher wichtig, ständig genügend Vorräte auf Lager zu haben. Die dafür dimensionierten Keller bieten heute den Fässern der Weingüter ausreichend Platz. Diese bildschönen Steinkonstruktionen lenken einen etwas von den kräftezehrenden Anstiegen ab, die sich mit einer Steigung von 15 Prozent endlos über die Strecke verteilen.

Am Höhepunkt des ersten Hügels eröffnet die Dämmerung dem vorhergesagten starken Regen die Tore. Innerhalb von Minuten saugt er sich durch die hauchdünne, moderne und nicht von der L’Eroica anerkannte Regenjacke, die ich über meinem Strickpullover trage. Lasst euch gesagt sein, Wolle ist wohl das ungeeignetste Material, das man beim Radfahren tragen kann. Ein Hoch auf Lycra. Es sind weitere 25 km zum nächsten Versorgungspunkt, also beißen wir die Zähne zusammen und fahren weiter. Der erste Hauch von Heldenmut kommt auf. Die Straße verwandelt sich schnell in einen Fluß aus Schlamm und Schmutz und die Oberfläche wird zum unerbittlichen Waschbrett. Ich gebe die Hoffnung auf, je meine Finger wieder fühlen zu können. Alle meine Bilder der sonnigen Toskana sind wie ausradiert.

Der Versorgungspunkt kann gar nicht zu früh auftauchen. Obwohl wir sehr früh starteten und bisher nur von wenigen überholt wurden, so befinden sich dort schon eine ganze Reihe geplagte Seelen, die aus dem Asyl des temporär errichteten Unterschlupfs hervorstarren. Wir werfen unsere Räder irgendwo hin – deren einmalige Schönheit in Gegenwart der von Kuchen, Brot, Olivenöl, Salami, Bananen und Wein beladenen Tische komplett in Vergessenheit gerät. Eine gewöhnliche Sportlernahrung ist das alles nicht, eher ein wahrhaftiges Festessen. Gels oder Riegel sucht man hier vergeblich. Diese fielen wohl auch den strengen Vorgaben der L’Eroica zum Opfer.

Meine Augen strahlen, als ich eine Thermoskanne mit der Aufschrift „Té“ erblicke. Wurde ein Aufguss je so erfreut in Empfang genommen? Ich trinke 6 Tassen des süßen, heißen Tees und kippe dann ein Wenig des lokalen Weins in meinen Becher. Die italienische Matriarchin hinter dem Tresen, ohne Zweifel eine seit Jahrzehnten stolze Einwohnerin Chiantis ist entsetzt von meiner ungehobelten englischen Art. Ihre Augen scheinen zu sagen, wie ich es nur wage, ihr jahrhundertealtes Erbe zu entweihen. “Es ist auch nichts anderes als Glühwein” murmle ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Nur allzu früh machen wir uns wieder auf den Weg. Die nächsten 90 km werden sich nicht von alleine fahren, so sehr wir auch hoffen mögen, dass sie dies tun. Jeder Straßenfahrer wird dir sagen, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem man selbst beim Fahren unter extremsten Bedingungen etwas positives sehen kann. In dem Moment nämlich, wenn Regen, der so heftig ist, dass du schwören könntest, es wäre das Ende der Welt sich nochmals steigert, kann man eigentlich nichts anderes machen außer zu lachen. Einem langen Abschnitt an strade bianche folgt eine herrliche Abfahrt und schließlich ein asphaltierten Anstieg.

Der erste Kontrollpunkt, an dem die Fahrer ihre Dokumente gestempelt bekommen, befindet sich in Murlo. Das mittelalterliche Örtchen liegt am Höhepunkt eines kurvenreichen Kieswegs, der schier unmöglich zu fahren ist. Es ist der erste Punkt an dem ich absteige und schiebe, aber ein anderer Fahrer, ein alter Hase bei diesem glorreichen Unsinn verrät mir: „Es ist keine Schande bei der L’Eroica abzusteigen und zu schieben.“ Der Regen lässt nicht nach. Die Strecke wird schlimmer, je länger wir auf dem Weg sind. Plötzlich, als einem der Reifen platzt kommt die Sonne heraus. Für einige Zeit versuchen wir andere Fahrer anzuhalten, um uns mit einem Ersatzschlauch auszuhelfen zu lassen. Keiner hält an. Und dann naht doch die Rettung in Form von Mauro aus Mailand, der uns seinen letzten Ersatzschlauch reicht.

In Asciano gibt es den nächsten Halt um wieder etwas zu Kräften zu kommen. Im Ort erwartet uns eine dampfend heiße Ribollita, eine eingekochte italienische Suppe. Und mehr Wein. Viel mehr Wein. Und eine Menge Käse. Ein Blick in die Gesichter der anwesenden Mitstreiter verrät uns, dass wir nicht die einzigen sind, denen die Strapazen des Tages anzusehen sind. In einer Ecke schläft eine Gruppe Jungs unter der wärmenden Sonne. Aber die Anwesenheit der Sonne hat auch seine negativen Aspekte. Die Schlammpackung, die unsere Räder bedeckt, verwandelt sich rasch in eine pulvrige rauhe Paste. Als wir uns wieder auf den Weg machen, ist das gequälte Geräusch der Antriebe allgegenwärtig. Und auch das Aquila ist diese Art der Behandlung nicht gewöhnt.

Gerade aus Asciano heraus steht der höchste Anstieg des Tages an. Zwei Mal folgt einem Anstieg eine anschließende Abfahrt bevor man schließlich in einem letzten Anstieg zum höchsten Punkt gelangt. Zermürbend steil, gefährlich eng und quälend langsam. Wieder wird das Rad über lange Strecken geschoben. Ein letzter Versorgungspunkt. Dieser hat die Atmosphäre eines Militärhospitals. Wir befinden uns jetzt wieder auf einer Route mit denjenigen, die sich für die längste der vier Varianten entschieden haben. Ihnen sieht man die Strapazen des Rennens noch deutlicher an. In Schlamm gehüllt und mit aschgrauen Gesichtern. Neben dem von den vorigen Stopps bereits bekannten in Olivenöl getränkten Brot, geräuchten Fleisch und mit Marmelade überzogenen Torten bietet der letzte Stop auch eine weitere hiesige Spezialität in flüssiger Form. Diese ist süß wie Sherry und brennt wie Grappa. Ich genehmige mir zwei davon. Es ist Treibstoff für Raketen und wir tanken schnell, aber bevor es weiter geht waschen wir noch den Schlamm von unseren Rädern.

In den letzten Kilometern werde ich von meiner Gruppe getrennt. Es gibt aber eh nichts anderes zu tun, außer in die Pedale zu treten und der Kurbel nochmal den Rest zu geben. Der Anstieg allein wird zur Qual. Ich werde von einer Gruppe Jungs überholt, die im Rudel unterwegs sind. Ein Schwall Italienisch fliegt mir zu, während sie an mir vorbeirauschen. „No comprendo. Inglese,” Rufe ich zurück. „Dein Hinterrad schleift am Rahmen“ kommt als Antwort. Das erklärt, warum die letzte Stunde so hart war. Nachdem ich das Laufrad wieder in die richtige Position bringe, läuft es wieder rund. Die Dinge fühlen sich wieder besser an und ich fange an meine Begleiter abzuschütteln. Die Abfahrt nach Gaiole ist herrlich. Eine Kehre folgt der nächsten. Ich komme aus den Kurven geschossen. Die quietschenden Bremsen des Aquila kümmern mich nicht mehr, und trotz der längst überholten Technologie ist es eine Freude das Rad zu fahren. Und dann, wie eine italienische Auseinandersetzung ist plötzlich alles wie mit einem Schlag vorbei. An der Ziellinie warten hunderte Leute, die den Ankommenden aplaudieren und zujubeln. Wir nehmen unsere Medaillen und beeilen uns, Freunde zu finden, die andere Distanzen gefahren sind. Dann Bier, Wein, Pasta und Steak. Das Wilkommen der wahren Helden, nach einem heldenhaften Tag im Sattel.

Unser Kollege Tom Owen fuhr die L’Eroica als Gast von Brooks England, die einer der Hauptsponsoren der Veranstaltung sind.

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